Daumenregeln, die helfen können, Wirksamkeit (nicht nur bei Kommunikation und Veränderungsprozessen) zu gewährleisten.

Strategeme haben wir die folgenden Regeln genannt, weil sie im Gegensatz zu Strategien eine direkte Handlungsaufforderung beinhalten. Als Kriegslist, Kunstgriff, Trick bezeichnet der Duden, was im Altgriechischen strategema für Feldherrenkunst steht.

Sun Tzu, einem Zeitgenossen von Konfuzius und Thales von Milet, werden die ersten grundlegenden Ausführungen über Strategie und Taktik der Kriegsführung zugeschrieben, und viele chinesische Politiker und Generäle bis hin zu Mao Tse-tung berufen sich in ihrem Schreiben und Handeln auf dieses grundlegende Traktat über die Kriegskunst in 13 Kapiteln. Unter diesem Aspekt ist die Mao-Bibel immer noch eine lohnende Lektüre.

Das hervorragend recherchierte und gut lesbare Standardwerk über Strategeme stammt von Harro von Senger, der auf fast 1 300 Seiten die Lebens- und Überlebenslisten ausbreitet und die 36 wichtigsten Strategeme der chinesischen Politik und Kriegskunst vorstellt. Seit Sun Tzu ist in unzähligen Traktaten und Veröffentlichungen über den Nutzen von Strategien räsoniert worden. So betont das Vorwort der 19. Auflage von „Kampf mit List – die 36 Strategeme“ (Taipeh, 1985): „Die Strategeme gleichen unsichtbaren Messern, die im Gehirn des Menschen verborgen sind und erst aufblitzen, wenn sie gebraucht werden… Wer sich in der Anwendung der Strategeme versteht, vermag eine geordnete Welt ins Chaos zu stürzen oder eine chaotische Welt zu ordnen… Wer die Strategeme einzusetzen versteht, wird stets die Initiative in seiner Hand behalten.“ (zitiert nach Harro von Senger, I, Seite 31)

Zhao Benxue, ein Militärtheoretiker der Ming-Zeit (1386 – 1644), hat ein Buch der Wandlungen geschrieben, in dem er das Wechselspiel des Yin und Yang übertrug auf die Dialektik der Kriegsführung und aus der Reflexion über Gegensatzpaare wie

  • Schein und Sein
  • Überzahl und Unterzahl
  • Stärke und Schwäche
  • Frontalangriff und Hinterhalt
  • Außergewöhnliches und Konventionelles
  • Vormarsch und Rückzug
  • Verhandeln und Handeln

ein Arsenal von Ideen und Handlungsanweisungen entwickelte. Dieses Denkmuster war auch Pate bei der Auswahl der 12 Strategeme, die teils übernommen (wie die Nummer 1 von Sun Tzu), aber in Teilen auch aus vielen Jahren Erfahrung mit Organisationsentwicklung und der Gestaltung von Veränderungen abgeleitet worden sind.

Alle reden von Veränderungen, von der Notwendigkeit, sich dem Tempo der allgemeinen Entwicklung anzupassen oder diese gar zu antizipieren. Seit fast 100 Jahren und seit Douglas Mc Gregor mit seiner Theorie X und Theorie Y reden wir von Organisationsentwicklung und betreiben aufwendige Veränderungsprojekte – und haben uns überwiegend Regenmachereffekte eingehandelt. Der Regenmachereffekt beschreibt die Erkenntnis, dass viele gesellschaftliche, politische oder organisatorische Vorhaben zwar nicht das erreichen, was sie versprechen, dafür aber andere nützliche, nicht sofort sichtbare Funktionen haben.

So hat die Organisationsentwicklung der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts zwar Motivation und Betriebsklima verbessert, Sinn gestiftet und das hohe Lied der Unternehmenskultur gesungen, ist aber als Fitnessprogramm für Unternehmen gescheitert. Erst Reengineering und Lean Management haben das realisiert, was Organisationsentwicklung oder der damalige Kofferbegriff Change Management stets versprochen haben, aber nie um- oder durchsetzen konnten. Heute singen wir das Hohelied der Agilität und suchen nach Erklärungen für deren Firn.

Das Faszinierende an Strategemen ist, dass sie Peter Drucker’s sinnfällige Unterscheidung zwischen Effektivität und Effizienz respektieren, aus Widerständen Prüfsteine machen und uns sagen: „Problembewusstsein ist gut, Ziel- und Handlungsbewusstsein ist besser.“ Sie folgen keiner einheitlichen Logik, lassen Widersprüche zu, sind keiner Management-Philosophie verpflichtet und sind keine Prinzipien des guten Managements von organisatorischem Wandel.

Es sind Standorte, Sichtweisen, Einsichten oder einfach Ratschläge, die sich ihre Situation suchen müssen, wo sie am besten und wirksamsten sind – und uns gerade deswegen nicht die Sicht versperren oder sich zum eigenen blinden Fleck auswachsen. Das Leben in den Umständen führt zu den Umständen im Leben und es bedarf vieler Gedanken, um einen festzuhalten (Stanislaw Lec).

Kluge NGO’s und Protestbewegungen bis hin zur Bewegungsstiftung haben sich des Gedankengutes angenommen und ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt. Richard Thaler und Cass Sandstein haben mit „Nudging: wie man kluge Entscheidungen anstößt“ der kommunikativen List, vor allem in der Politik, ein großes Feld eröffnet. Dieser libertäre Paternalismus hat Konjunktur, mit und seit Corona erst recht. Schauen Sie sich mal die 10 bedeutenden Nudges für die Politik an:

https://de.wikipedia.org/wiki/Nudge

Handeln nach Strategemen gehört zur Grundausstattung politischer Parteien und Bewegungen. Bei der einen oder anderen Formation erkennt man deren fortschreitende Sklerose. Wer die „Operation Macron“ von Eric Stemmelen liest, erkennt die diversen Kriegslisten. Ob Macron aktuell die Berater gewechselt hat?

Für das Arbeiten mit Strategemen gibt es keine Gebrauchsanleitung, es sei denn die dreizehnte von zwölf und selten wird man mit dem Rückgriff auf nur eine Option Wirksamkeit erzielen können; Erfolg ist eher ein Mannschaftsspiel mit mehreren gedanklichen Standorten und Akteuren.     ecce!