„ich liebe die Menschheit, aber was mir auf die Nerven geht, sind die Leute“ könnte ein Motto des Humanismus lauten, dem Bertolt Brecht noch eins draufzusetzen wußte: „Es ist unheimlich, in einem Land zu sein, wo Sie davon abhängen, ob einer so viel (Nächsten)Liebe aufbringt, dass er Ihretwegen seine eigenen Interessen aufs Spiel setzt. Sie sind sicherer in einem Land, wo`s keine Nächstenliebe braucht, damit Sie kuriert werden“.

Kein Kulturkreis hat sich auch nur annähernd so intensiv mit der Liebe auseinandergesetzt wie das alte Europa: Angefangen mit Platons Symposion über die Fragmente einer Sprache der Liebe von Roland Barthes bis zu Niklas Luhmanns Traktat über die Liebe als Passion, in Jenseits von gut und böse auch schon von Friedrich Nietzsche als unsere europäische Spezialität bezeichnet. Wir lesen Deus caritas est und begegnen einem Papst Benedikt XVI, der von der Liebe schwärmte. Sein Lehrschreiben beginnt mit einer Bestimmung eines „der meist gebrauchten und auch missbrauchten Wörter“, setzt sich mit Eros und Sexualität auseinander und spannt den Bogen vom Menschen als Ware bis zur Agape, der selbstlos schenkenden Liebe.

Natürlich sind wir uns der Attraktivität des Begriffs Liebe bewusst. Da wurden Anfang des Jahrtausends LoveLetter versandt und dem Attachment ILOVEYOU konnten viele nicht widerstehen – was dann eine Lawine ins Rollen brachte, die Firmen, Behörden und Regierungsapparate lahm legte. Wikipedia nennt eine Schadenssumme von 10 Milliarden Dollar. Hinter dieser Infektionsgefahr durch Liebesbriefe scheint ein Bedarf oder Bedürfnis zu stecken. Wie anders lässt sich der Erfolg von Online-Dating-Börsen oder von Love-by-mail-Abo`s erklären? Holt man sich dort den Balsam für die Seele, weil die Liebe ganz offenbar Schaden nimmt, wenn sie nicht anerkannt wird?

Erich Fried meinte dazu eher lakonisch: es ist was es ist

Es ist Unsinn sagt die Vernunft,

Es ist was es ist sagt die Liebe.

Es ist Unglück sagt die Berechnung,

Es ist nichts als Schmerz sagt die Angst.

Es ist aussichtslos sagt die Einsicht,

Es ist was es ist sagt die Liebe.

Es ist lächerlich sagt der Stolz,

Es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht.

Es ist unmöglich sagt die Erfahrung,

Es ist was es ist sagt die Liebe.

Worin liegt nun aber die Bedeutung der Liebe, auch wenn sie die heutige Gesellschaftsphilosophie auf die gleiche Ebene wie Gerechtigkeit, (Menschen)Würde und Recht auf Arbeit stellt? Ist es die Altruismusdimension der Basler Philosophin Angelika Krebs: „die Liebe schenkt und fragt nicht, was sie zurückbekommt“?. Auch Aristoteles hat in seiner Nikomachischen Ethik schon (in Ableitung von der Liebe) die drei Formen von Freundschaft beschrieben (gegenseitige Lust / gegenseitiger Nutzen / um seiner selbst willen) und ihren Stellenwert für das Gemeinwesen ausgewiesen.

Der Mensch ist das aggressivste Tier – aber auch das Wesen mit der höchsten Kooperationsbereitschaft, sagt die Evolutionspsychologie und will uns aufzeigen, dass der Erfolg der Spezies Mensch vor allem ihrer großen Fähigkeit zur Kooperation zu verdanken sei. Das gesamte Repertoire, das unser modernes Miteinander bestimmt, reicht bis in die Frühzeit der Menschheit zurück. Unabhängig von Kultur und technologischem Entwicklungsstand – ganz gleich, ob der Einzelne als Buschmann durch die Savanne streift oder als Astronaut den Mond umkreist – sind unsere Denk- und Verhaltensweisen Teil eines uralten Vermächtnisses, aber durchaus veränderungs-, entwicklungs- und damit lernfähig.

Die moderne Evolutionspsychologie geht davon aus, dass unser Sozialverhalten nicht mehr ausschließlich auf Egoismus, den aufrechten Gang, die Sprachfähigkeit oder die Werkzeugherstellung zurückgeführt werden kann sondern dass man die „Gehirnexplosion“ und die Zunahme der Intelligenz beim Menschen aus der sozialen Rolle als Gruppenwesen abzuleiten sucht. Wir scheinen über eine Art von sozialem Gehirn zu verfügen, das die Gestaltung und den Wert von sozialen Bindungen gelernt hat, und das zumindest in langfristiger Perspektive, ein Erfolgstreiber ist.

Als Beleg wird hier immer gern das Gefangenen-Dilemma genommen. In diesem Spiel wissen zwei oder mehr Spielende während ihrer Entscheidung nicht , wie sich die jeweils anderen verhalten, deren Entscheidung aber wesentlich für Erfolg oder Scheitern ist. Die ökonomisch erfolgreichste Strategie in diesem Spiel wäre ein nicht-kooperatives Verhalten, vorausgesetzt, der andere würde kooperieren und damit dann der Dumme sein. Wenn beide nicht kooperieren, werden beide wesentlich höher bestraft als wenn sie kooperieren. Dies ist ein Nicht-Null-Summenspiel, bei dem man nicht nur gewinnen kann, wenn der andere verliert. Eine weitere Analogie zum wahren Leben ist, dass man immer wieder mit den selben Partnern spielen muß und nicht weiß, wann das Spiel endet.

Bei einem Meta-Spiel lud der Politologe Robert Axelrud diverse Forscher ein, Programme mit Entscheidungsstrategien für das Gefangenen-Dilemma zu entwickeln. Eindeutiger Sieger wurde eine einfache „wie du mir, so ich dir“-Strategie, die beim ersten Mal mit dem Spielpartner kooperierte und bei allen Folgezügen das tat, was der Spielpartner zuvor gemacht hatte. Die Strategie ist zunächst nicht egoistisch, reagiert aber auf Kooperationsverweigerung mit Bestrafung, ist jedoch nicht nachtragend, wenn sich der Mitspieler wieder kooperativ zeigt. Langfristig gesehen könnten danach ein paar „Gute“ eine weit größere Population von „Bösen“ allmählich ausschalten (welch ein Traum).

Wenn wir William F.Allman folgen (Mammutjäger in der Metro. Wie das Erbe der Evolution unser Denken und Verhalten prägt) haben wir fast während der gesamten Menschheitsgeschichte unser soziales Leben wesentlich in Kleingruppen absolviert, die –auch wenn sie oft durch ein weiträumiges Netz von Handelsbeziehungen miteinander verbunden waren – im Alltag mehr oder weniger von anderen Gruppen isoliert lebten. Dieses Muster passt aber nicht mehr auf unsere heutige Realität der Mobilität, Globalisierung und Durchlässigkeit zwischen verschiedensten Gruppen und Gruppierungen. Der oben schon zitierte Robert Axelrud hat in verschiedenen Simulationen aufgezeigt, dass die kooperationsgetriebenen Strategien nicht mehr „erfolgreich“ sind, wenn es um Beziehungen zwischen Gruppen oder auch um Beziehungen zwischen Mehrheiten und Minderheiten geht. Aus diesen und anderen Beobachtungen und Experimenten schlussfolgert Allman, daß Formationen und Gesellschaften,, die in miteinander konkurrierende Koalitionen und ein unübersichtliches Patchwork aus Minderheiten zerfallen, gleichzeitig aber nicht mehr geografisch ausweichen und sich isolieren können, aus evolutionspsychologischer Sicht in ein tödliches „globales Gerangel“ geraten, für das unser soziales Gehirn noch keine Antworten parat hat. Die Plausibilität kann man bei der regionalen, nationalen und weltweiten Ereignislage allein der letzten 30 Jahre leicht nachvollziehen und bei der Flüchtlingsthematik hautnah erleben.

Bis wir dies evolutionspsychologisch gelernt haben, bleibt uns wahrscheinlich nur die Hoffnung auf die Liebe, wie sie Paulus schon in seinem Brief an die Korinther formuliert hat: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze. Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf“. Benedikt XVI hat der Politik das Subsidiaritätsprinzip empfohlen und auch von der Kirche gefordert, dass ihre Regeln nie Zwecke für sich sein dürften sondern vom Geiste der selbstlosen Liebe getragen (sein müssten).

In diesem Geiste einmal Szenarien zu verlangen von den Formationen , die ein C für christlich oder ein S für sozial in ihrem Namen tragen, political correctness von der Tun- und nicht von der Unterlassen- Seite zu formulieren, corporate governance aus der Perspektive der Liebe zu formulieren und dies mit dem allgegenwärtigen Wettbewerb zu verbinden könnte auch eine Form von Zukunftssicherung sein, die sich weniger mit den Folgen von Globalisierung, Energiekrisen und demografischen Katastrophen beschäftigt sondern mehr eine andere Art von Ursachenforschung betreibt. Daß die Liebe auf dem Weg zur Erkenntnis erforderlich ist, steckt ja bereits in dem Begriff der Philosophia – der Liebe zur Wahrheit. Und wenn schon Platon und Augustin die Liebe als eine positive affektive Hinwendung zu einem (Erkenntnis-)Ziel begreifen, kann man ahnen, warum der Gegenbegriff zu Liebe nicht Haß sondern Angst ist und warum Vorstellungen von Bekenntnis und Mut mitschwingen.

Nicht erst seit Sigmund Freud ist der moderne Mensch in seinem gelernten Skeptizismus vereinsamt und verstrickt in den Auflösungen der sozialen Bindung. Stationär und ambulant geht es um die Heilung durch Akzeptanz und Anerkennung. Die Organisationspsychologen sorgen sich um das Commitment, Führungskräfte werden nach ihrer Bindungsleistung beurteilt und ein Unternehmensleitbild technokratisiert das Wir-Gefühl. Damit wäre Liebe nur noch eine Sehnsucht, die etwas sucht, wovon das Ersehnte eher ein Symbol ist als eine Erfüllung. Was sie aber eigentlich kann, ist, die Grenzen unseres Handelnkönnens zu überwinden.