Die gegenwärtige Schockstarre im Gefolge des Corona-Lockdown wird zunehmend abgelöst von Verteilungskämpfen: den ökonomischen um Subvention und finanzielle Unterstützung; den ökologischen mit der Revitalisierung der Umwelt- und Klimathematik; den medizinisch-ethischen um den Schwere- und Bedrohungsgrad von Covid 19; den (gesellschafts-/partei-)politischen Bewertungen der Maßnahmen mit ihren Neben- und Fernwirkungen. Der Kampf um die Deutungshoheiten ist auf allen Kanälen wieder im Gange und voll anschlussfähig an die Flüchtlingskrise und die Kimathematik. Und wir haben sie wieder: die Meinungs-Stalinisten, die Corona-Leugner, die Fakten-Finder und alle anderen, die auf Basis einer viel zu dürftigen Datenlage ihre Erklärung der Welt mit uns teilen wollen. Diese individuellen oder interessenspezifischen Wirklichkeiten basieren auf selektiver Wahrnehmung, haben kein besseres Wissen, verfolgen einen Zweck und pflegen einen opportunistischen Umgang mit Lüge und Wahrheit. Ihr moralisches Rückgrat ist die Haltung und ihre Hoffnung ist das Kurzzeitgedächtnis der anderen. Vorsicht ist kein guter Begleiter und wenn man Recht haben will, zählt ein Like mehr als die kritische Replik und eine lässliche Fehlinformation ist noch lange keine Lüge?

Die Lüge ist ein Alltagsphänomen, das es gibt, seit es Menschen gibt. Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen getäuscht wird – sonst hätte man das 8. Gebot du sollst nicht lügen nicht gebraucht; und Shakespeare wäre wohl brotlos geblieben. Kaum ein Autor hat so meisterhaft wie er die unterschiedlichen Facetten des Phänomens Lügen herausgearbeitet: sei es Jago im Othello oder die Töchter von König Lear mit ihren falschen Versprechungen und Schmeicheleien. Vor allem zeigt Shakespeare die Konsequenzen auf, die Wahrheit und Lüge haben oder haben können und in seinen Tragödien liegen zum Schlussvorhang gern die wichtigsten Protagonisten tot auf der Bühne.  Aber was ist das eigentlich: die Wahrheit? Und in welchem Verhältnis steht sie zur Lüge?

Wir alle haben aus eigener Anschauung, aus eigenem Tun, eine Vorstellung, was Lüge und Wahrheit bedeuten, aber eine allgemein verbindliche Definition ist immer hilfreich bei einem Diskurs und da empfiehlt sich De Mendacio – über die Lüge des großen Kirchenlehrers Augustinus, ca 395 n.C. verfasst.

Seine Taxonomie der Lüge beinhaltet 8 Stufen, eingeteilt nach Schweregrad:

  • Lügen in Glaubensdingen
  • Lügen, die niemandem nützen aber jemandem schaden, also Lügen aus reiner Bosheit
  • Lügen, die jemandem nützen, aber jemand anderem schaden
  • Lügen aus Lust am Lügen
  • Lügen, rein um zu unterhalten oder zu gefallen
  • Lügen, die jemandem nützen und niemandem schaden
  • Lügen, die niemandem schaden, aber ein Leben retten
  • Lügen, die niemandem schaden, aber „jemanden vor körperlicher Unreinheit bewahren“ (da ging es wohl um das Verhindern von sexuellem Missbrauch).

Es versteht sich von selbst, dass für Augustinus keine dieser Lügen tolerabel war – Emanuel Kant bezog da eine fast identische Position: „es kann sein, dass nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält (denn er kann sich irren); aber in allem, was er sagt, muss er wahrhaft sein (er soll nicht täuschen).  Die Übertretung dieser Pflicht zur Wahrhaftigkeit heißt Lüge!“

Anders Karl Kraus mit seinem absolut zeitlosen Aphorismus, der die situative Komponente in die Beurteilung von Wahrheit und Lüge einführt: „eine Notlüge ist immer verzeihlich. Wer aber ohne Zwang die Wahrheit sagt, verdient keine Nachsicht“. Hier geht es also um einen moralischen Maßstab, bei dem differenziert werden soll und wo differenziert wird, gibt es Unterschiede: über das, was wahr oder unwahr ist, richtig oder falsch, Fiktion oder Fake, vertretbar oder nicht vertretbar.

Nähern wir uns der Wahrheit über Synonyme, dann finden wir im Netz mindestens 144 Vorschläge wie Wirklichkeit, Tatsache, Realität, Grundsatz, Klarheit, Echtheit, Gewissheit, Glaubwürdigkeit, Korrektheit oder Gewissheit.

Bei der Lüge bietet das Synonym-Lexikon über 500 Begriffe an. Um die prominentesten zu nennen: Leugnung, Vorwand, Schein, Täuschung, Schwindel, Verzerrung, Heuchelei, Irreführung, Vorspiegelung, Ausflucht, Fiktion oder Betrug. Zufall, dass es für die Lüge viel mehr Synonyme gibt? Ein Schelm, wer sich dabei was denkt.!

Schauen wir in das psychologische Lexikon, den Dorsch, dann heißt es dort: Wahrheit ist die Übereinstimmung zwischen Behauptung und Sachverhalt. Als wahr wird auch ein Urteil genommen, wenn das gegenteilige unmöglich evident sein kann (meinte zumindest Clemens Brentano im auslaufenden 19. Jahrhundert). Das galt sicher auch für Ptolemäus und seinen Irrtum über die Umlaufbahn der Sonne.

Während die Wahrheit eher philosophisch oder religiös gewürdigt wird, ist das psychologische Gegenstück die Lüge. Da geht es um den Wahrheitswillen, der sich in verschiedener Prägung vom Sarkasmus oder Wahrheitsfanatismus bis zur echten Werthaltung gegenüber dem Wahrheitserleben darbietet. Ein anderer Aspekt der Wahrheit ist die Gedächtniszuverlässigkeit, die in der Aussagenpsychologie ihre eigene Teildisziplin gefunden hat.

Für die Lüge bleiben wir dann auch beim psychologischen Lexikon: Lüge ist eine absichtliche, wahrheitswidrige Darstellung, die gegeben wird als ob es eine wahrheitsgemäße Darstellung wäre – und ohne das Einverständnis des Berichtsempfängers zum Getäuschtwerden. Die wesentlichen Formen der Lüge sind die Falschbeurkundung und das Verschweigen.

Die Psychologie befasst sich auch mit den intrinsischen Vorgängen beim Lügen und mit den Möglichkeiten, aufgrund von Ausdruckserscheinungen und unwillkürlichen körperlichen Begleiterscheinungen das Lügen zu erkennen. Forscher aus Granada haben festgestellt, dass sich beim Lügen an Gesicht und Händen die Temperatur verändert – also Vorsicht, wenn Ihnen jemand mit einer Wärmebildkamera gegenübersteht.

Diese Wärmebildkamera hätte viel zu tun, denn Wissenschaftler behaupten, dass wir Menschen täglich und im Schnitt zwischen 2 und 80 mal lügen. Das klingt nach (sehr) viel, aber zum Glück ist Lüge nicht gleich Lüge. Höflichkeitsfloskeln und andere prosoziale Unterdrückungen der Wahrheit sind so was wie der Schmierstoff für ein harmonisches Zusammenleben; man nennt das auch gern die „white lies“, die weißen Lügen. Sie kennen das:

  • Ich habe kaum was getrunken
  • Alles ok, mir geht’s prima
  • Ich bin auf dem Weg, stecke im Stau
  • Hast Du abgenommen?
  • Das wollte ich immer schon haben
  • Schön, Sie zu sehen
  • Es war nicht so teuer
  • Den Anruf habe ich nicht gehört

Anders die „schwarzen Lügen“, bei denen es um Betrug und /oder Eigennutz geht und die eher nicht das Attribut „prosozial“ verdienen – es sei denn, in der Politik. Aber da kommen wir noch drauf.

Die Lüge ist offenbar ein altes Naturerbe, deren Fähigkeit sich schon bei Kindern ausbildet. Ab einem Alter von ca 5 bis 6 Jahren fangen Kinder an zu begreifen, wie schummeln funktioniert. Das ist keineswegs schlimm, denn kann ein Kind lügen, spricht das, behaupten zumindest Wissenschaftler, für ein sich gut entwickelndes Gehirn; und zwischen 7 und 11 kommt ja dann auch die Moral hinzu.

Friedrich Nietzsche, der Grenzgänger zwischen Philologie, Philosophie und Psychologie hat so zutreffend gesagt: Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen – passend zu einer seiner anderen Aussagen, dass die gewöhnliche, die häufigste Lüge diejenige ist, mit der man sich selbst belügt. Womit wir bei der Politik sind und bei Hannah Arendt.

Mit ihrem auf Deutsch erstmals 1969 veröffentlichten Essay Wahrheit und Politik hat sie sich u.a. dezidiert mit der Problematik der Allgegenwart der Lüge im Bereich des Politischen beschäftigt. Ihre Konzeption politischen Handelns widersetzt sich ausdrücklich einer Ausrichtung allein an Fakten und Tatsachen (also kein platonischer Idealstaat). Sie fordert eine Pluralität der Perspektiven auf die Gestaltung einer gemeinsamen Welt. Nicht die Wahrheit sondern die Vielfalt der Meinungen ist für Arendt das, was das Politische im Kern ausmacht. Sie schreibt, dass  „die Diskussion, der Austausch und Streit der Meinungen…das eigentliche Wesen allen politischen Lebens ausmacht“ . Sie unterscheidet trefflich zwischen der überzeugenden Natur von Meinungen und der zwingenden Natur von Tatsachen und Wahrheiten und folgert, dass dort, wo Sachzwangargumente, Alternativlosigkeit(!) und Technokratie vorherrschen, die Politik aufgehört habe, im eigentlichen Sinne politisch zu sein.

Das Problem einer Allgegenwart der Lüge besteht nach ihr darin, dass der Orientierungssinn der Menschen und damit deren Fähigkeit, Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden zu können, zerstört wird. Versagt der menschliche Orientierungssinn, so können Tatsachen, Meinungen und Lügen nicht mehr auseinandergehalten werden und politisches Handeln verliert seine Bodenhaftung.

Heinz von Förster, ein österreichischer Philosoph und Physiker, eher systemtheoretisch orientiert und durchaus anschlussfähig an Hannah Arendt, hat so schön, fast bildhaft postuliert: Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners!

Er will damit deutlich machen, dass sich die beiden bedingen und es das eine es ohne das andere nicht gäbe. Für ihn kam mit der Wahrheit die Gewalt in die Welt und von  der Geschichte bis in die Gegenwart finden in ihrem Namen die großen, kleinen und dyadischen Glaubenskriege statt – weil die Wahrheitsidee gewalttätig durchgesetzt werden soll. Für ihn stören die Kategorien von Wahrheit und Lüge, Subjektivität und Objektivität die Beziehung von Mensch zu Mensch. Sie erzeugen ein Klima, in dem andere überredet, bekehrt und gezwungen werden. Er votiert für Karl Popper, nachdem die Hypothesen (über das Leben, die Dinge, oder was auch immer) sich als falsch aber nicht im absoluten Sinne als richtig erweisen können. Er würde die Idee der Wahrheit durch die Idee des Vertrauens ersetzen wollen:

„Das englische Wort für Wahrheit, truth, geht etymologisch auf Treue und Vertrauen, trust, zurück und wenn ich die Wahrheit als ein Vertrauen von Mensch zu Mensch begreife, dann brauche ich keine externen Referenzen mehr“.  Schöne neue Welt.

Wolfgang Herles, ein streitbarer Journalist mit langer Funk- und Fernsehvergangenheit hat mal 10 Gründe oder Haltungen für das Leugnen der Realität aufgeführt:

  • Leugnen aus diplomatischen Gründen (und lieber an etwas nicht rühren)
  • Es gibt keine objektive Wahrheit, also gilt meine
  • Wahrheit ist gefährlich, also verschweigen wir
  • So schlimm wird es schon nicht kommen oder es sich in seiner eigenen Illusion bequem machen
  • Leugner erkennt die Wahrheit und weiß dann auch, dass er sich geirrt hat; glaubt aber, die Korrektur der eigenen Position könne ihm schaden
  • Nach mir die Sintflut
  • Der Mächtige kann sich leisten, die Wahrheit zu unterdrücken, weil er „ermächtigt“ worden ist, seine Version der Wahrheit durchzusetzen
  • Die Wahrheit ist viel komplexer als dargestellt und darstellbar, der DIB, das ist der durchschnittlich informierte/interessierte Bürger ist überfordert und kann bevormundet werden
  • Der blinde Seher oder sieht das denn außer mir keiner
  • Die Wahrheit widerspricht der Ideologie und die ist immer mächtiger oder Bertold Brecht in Galileo Galilei, dem Stück, das von der Wahrheit unter der Knute des Dogmas handelt: „wer die Wahrheit nicht kennt, ist bloß ein Dummkopf. Wer sie kennt und sie Lüge nennt, ist ein Verbrecher“.

Ein exzellenter Prototyp der Dialektik zwischen Wahrheit und Lüge ist der Hollywood Film das Leben des David Gale – eine Paraderolle für Kevin Spacey, aber auch für Kate Winslet aus dem Jahre 2003. An diesem Verwirrspiel von Lügen und Metalügen, also Lügen über Lügen hätte auch Shakespeare sein Freude gehabt. Spacey, Jungstar auf dem Campus und gleichzeitig engagierter Kämpfer gegen die Todesstrafe, wird von einer Schülerin zum Beischlaf überlistet und dann als Vergewaltiger dargestellt, was trotz Klagerückzug seiner Karriere den finalen Dämpfer erteilt. Dann wird er des Mordes an seiner krebskranken Kollegin beschuldigt und zum Tode verurteilt. Wenige Tage vor seiner Hinrichtung gewährt er gegen ein exorbitantes Honorar einer bekannten investigativen Journalistin eine Interviewrunde, bei der immer mehr Indikatoren für seine Unschuld auftauchen; der vermeintlich tatsächliche Beweis jedoch erst nach seiner Hinrichtung greifbar wird. Der Mord war nämlich Selbstmord. Politik, Justiz und Ermittlungsbehörden sind in Erklärungsnot, der Investigationserfolg der Medien evident – bis, ganz am Ende, der Journalistin die Gesamtinszenierung eröffnet wird;  eine postfaktische Gemengelage mit allen Ingredienzien, die uns immer wieder begegnen:

  • Medien zwischen Fake und Fiktion
  • Das schwierige Unterfangen, sich mit Fragen einer Wahrheit zu nähern
  • Das besondere Biotop von Ausbildungsinstitutionen und die Sicherung von Glaubwürdigkeit
  • Die besondere Herausforderung an die Gerichtsbarkeit, der Gerechtigkeit, und das ist manchmal auch die Wahrheit, Genüge zu tun.

In Jenseits von Gut und Böse schreibt Nietzsche: Es könnte selbst zur Grundbeschaffenheit des Daseins gehören, dass man an seiner völligen Erkenntnis zugrunde ginge, – so dass sich die Stärke eines Geistes danach bemäße, wie viel er von der Wahrheit gerade noch aushielte – oder deutlicher, bis zu welchem Grad er sie verdünnt, verhüllt, versüßt, verdumpft, verfälscht nötig hätte.