Für den schnellen Leser
Lange bevor Soziologen und Kybernetiker über die Zukunft nachdachten, hatte die Philosophie das Thema längst für sich entdeckt. Von Aristoteles‘ Möglichkeit und Wirklichkeit über Nietzsches Aufruf zur Selbsterschaffung, Sartres radikale Freiheit, Blochs Prinzip Hoffnung und Hans Jonas‘ Verantwortungsethik bis zu Heideggers Sein zum Tode: Jeder Denker hat die Zukunft anders verortet. Im Zentrum dieses Essays steht der tschechische Philosoph Jan Patočka, der Heideggers Isolation des Sterbenden widerspricht. Für Patočka ist der Tod nicht das einsame Ende des Einzelnen, sondern reißt ein Loch in das Beziehungsgeflecht der Überlebenden. Die unverbrauchte Energie eines Menschen, seine Pläne, Ideen, unvollendeten Fragen, wirkt über den Tod hinaus in die Zukunft der Nachwelt. Patočka hat diesen Gedanken nicht nur beschrieben, sondern mit der Charta 77 und seinem eigenen Tod 1977 gelebt. Sein Denken berührt Merleau-Ponty, Hans Jonas, Hannah Arendt, Levinas, Tillich und die Kulturpsychologen Piaget und Boesch, und es wirft ein kritisches Licht auf eine sehr gegenwärtige Versuchung: Griefbots, die das Trauern an eine Maschine auslagern, statt die eigene, notwendige Trauerarbeit zu leisten. Ein kurzer Ausblick zum Schluss stellt Patočkas Verantwortung für den konkreten Anderen der abstrakten Zukunftsrechnung des Longtermism gegenüber.
1. Ein historischer Bogen
Sechs Positionen zeigen, wie unterschiedlich das Nachdenken über das Kommende über zweieinhalb Jahrtausende ausgefallen ist.
Den Grundstein legte Aristoteles in der Antike. Mit den Begriffen Dynamis (Möglichkeit) und Energeia (Wirklichkeit) erklärte er, wie sich Dinge in der Zeit verändern: Ein Samenkorn trägt den Baum, der es einmal werden wird, bereits als Möglichkeit in sich. Zukunft ist bei Aristoteles kein Sprung ins Unbekannte, sondern die Entfaltung dessen, was in etwas bereits angelegt ist.
Friedrich Nietzsche dachte radikal gegen diese Kontinuität an. Seine „Philosophie der Zukunft“ forderte die Überwindung starrer, ererbter Moralvorstellungen. Zukunft gehört bei ihm nicht denen, die das Bestehende fortführen, sondern den „freien Geistern“, die neue Werte selbst erschaffen.
Jean-Paul Sartre radikalisierte diesen Gedanken existenzialistisch: Weil es keine vorgegebene menschliche Natur gibt, ist die Zukunft absolut offen. Der Mensch entwirft sich in jedem Moment neu und trägt damit die volle Verantwortung für das, was er einmal sein wird.
Ernst Bloch widmete sein gesamtes Werk der Hoffnung. In „Das Prinzip Hoffnung“ beschrieb er das „Noch-Nicht-Gesehene“ und „Noch-Nicht-Gewordene“: Die Welt ist für ihn unvollendet, und genau in dieser Unvollendetheit liegt der Raum, in dem sich Träume und gesellschaftliche Utopien realisieren lassen.
Hans Jonas übersetzte diese Offenheit in eine Pflicht. Als Pionier der Zukunftsethik formulierte er in „Das Prinzip Verantwortung“ den ökologischen Imperativ: Handle so, dass die Folgen deines Tuns mit dem dauerhaften Fortbestehen echten menschlichen Lebens auf der Erde vereinbar sind. Die ferne Zukunft, so Jonas, muss Vorrang vor kurzfristigen Interessen haben.
Und Martin Heidegger schließlich verlagerte die Frage ins Innerste der menschlichen Existenz selbst. In „Sein und Zeit“ ist der Mensch ein Wesen, das sich unablässig „vorauswirft“, das plant, entwirft, Möglichkeiten ergreift, während es unaufhaltsam auf die eigene Sterblichkeit zusteuert. Das Sein zum Tode macht die eigene Endlichkeit zur Bedingung dafür, dass Zukunft für den Einzelnen überhaupt Gewicht bekommt.
Genau an diesem Punkt, bei Heidegger, bei der radikal individuellen, einsamen Zukunft des Sterbenden, setzt ein tschechischer Philosoph an, der Heideggers Schüler war und ihm doch in einem entscheidenden Punkt widersprach: Jan Patočka.
2. Niemand geht ganz
Der tschechische Philosoph Jan Patočka, einer der bedeutendsten Schüler Edmund Husserls und Martin Heideggers, hinterließ ein Manuskript, das erst 2026, fast fünf Jahrzehnte nach seinem Tod, erstmals auf Deutsch erschien: „Phänomenologie des Lebens nach dem Tod“. Der Titel klingt nach Metaphysik, nach Jenseits, nach religiösem Trost. Genau das lehnt Patočka jedoch ab. Er sucht kein Leben nach dem Tod in einem Himmel oder einer anderen Welt. Er fragt nüchtern: Was passiert phänomenologisch, also in der Struktur unseres Bewusstseins und unserer gemeinsamen Lebenswelt, wenn ein Mensch stirbt?
Seine Antwort beginnt mit einer alltäglichen Erfahrung, die jeder kennt, der einen nahestehenden Menschen verloren hat: „Niemand geht ganz, der Andere lebt in uns weiter.“ Das ist für Patočka kein tröstender Gedanke, sondern eine nüchterne Beobachtung. Dieses Weiterleben ist real, aber prekär, denn es hängt vollständig an der Lebenszeit der Hinterbliebenen. Stirbt die Erinnerung, stirbt auch dieses zweite, schwächere Leben endgültig.
Dahinter steckt eine tiefere These: Menschliche Existenz ist von Grund auf relational. Wir konstituieren uns nicht als abgeschlossene Einzelwesen, sondern über andere, über Beziehungen, über das Gesehenwerden, über das gemeinsame Handeln. Stirbt ein vertrauter Mensch, verändert das deshalb nicht nur unsere Gefühlswelt, sondern die Struktur unseres eigenen Bewusstseins.
Am Ende des Essays wird Patočka noch konkreter: Die im Leben investierte „Energie“ eines Menschen, seine Pläne, Ideen, ungelösten Fragen, politischen Kämpfe, all das ist mit dem physischen Tod nicht einfach erschöpft. Diese Energie bleibt in der Welt. Und die Hinterbliebenen können sie aktiv „Wirklichkeit werden lassen“, indem sie sich den Fragen aussetzen, die das Leben des Verstorbenen aufgeworfen hat.
3. Der Bruch mit Heidegger
Patočka übernimmt Heideggers Werkzeug, wendet es aber gegen ihn. Aus „Sein und Zeit“ holt er sich die Analyse des Daseins, doch er führt sie über Heidegger hinaus, an einer Stelle, an der er selbst nicht mehr mitgehen will.
Beide Philosophen einen sich zunächst in einer Ablehnung: kein metaphysisches Jenseits, kein Himmel, keine Hölle. Der Tod ist für beide rein weltlich und phänomenologisch das absolute Ende des biologischen Lebens. Bis hierhin folgt Patočka seinem Lehrer.
Dann trennen sich die Wege. Für Heidegger ist der Tod die „eigenste, unbezügliche, unüberholbare Möglichkeit“. Das bedeutet: Sterben muss jeder für sich allein. Der Tod isoliert das Individuum radikal, und nur wer diese Einsamkeit annimmt, lebt „eigentlich“, also authentisch. Genau diese Isolierung ist der Punkt, an dem Patočka widerspricht. Für ihn ist menschliche Existenz von Grund auf mit anderen verwoben. Wenn ein Mensch stirbt, reißt er ein Loch in das Beziehungsgeflecht der Überlebenden. Der Tod ist bei Patočka deshalb gerade nicht „unbezüglich“, sondern hochgradig relational.
Diese Meinungsverschiedenheit hat unmittelbare Folgen für den Zukunftsbegriff beider Denker. Für Heidegger ist Zukunft die Zeitdimension, in der ich mein eigenes Leben entwerfe. Weil der Tod dieses Entwerfen irgendwann beendet, ist meine Zukunft endlich. Ich blicke nach vorn, um meine eigenen, noch verbleibenden Möglichkeiten zu realisieren. Nach meinem Tod, so Heidegger, gibt es für mein Dasein keine Zukunft mehr.
Patočka verlagert die Zukunft vom sterbenden Individuum auf die Überlebenden und die nachfolgenden Generationen, ein Begriff, den er als Generativität fasst. Drei Aspekte tragen diese Brücke zur Zukunft: erstens die unverbrauchte Energie, die ein Mensch bei seinem Tod hinterlässt, Pläne, Ideen, Liebe, ungelöste Konflikte, politische Kämpfe, die weiter in die Zukunft hineinwirken. Zweitens die Verantwortung der Nachwelt: Die Hinterbliebenen erben diese unvollendeten Möglichkeiten. Drittens die Offenheit des Sinns: Wer ein Mensch war, entscheidet sich für Patočka nicht endgültig mit dem letzten Atemzug, sondern wird von den nachfolgenden Generationen immer wieder neu interpretiert.
Der Unterschied lässt sich zuspitzen: Wo Heideggers Blick auf den Tod das Individuum in die Gegenwart zurückwirft, um das eigene Leben mutig zu ergreifen, öffnet Patočkas Phänomenologie den Blick nach vorn. Das Nachleben ist bei ihm ein dynamischer Prozess in der Zukunft der Anderen, eine generationenübergreifende Verantwortung, die den Einzelnen über den eigenen Tod hinaus mit der Welt verbindet.
4. Leben in der Wahrheit
Patočkas Gedanken über Nachleben und generationenübergreifende Verantwortung sind keine akademische Fingerübung. Sie bilden das philosophische Fundament für sein politisches Handeln, und sein Handeln bestätigte am Ende seine eigene Theorie auf tragische Weise.
In seinen „Ketzerischen Essays zur Philosophie der Geschichte“, geschrieben in den 1970er-Jahren, wendet Patočka die Zukunftsorientierung auf die Geschichte Europas an. Er diagnostiziert eine tiefe Sinnkrise der Moderne: Der Mensch wird durch Technisierung und Ideologie zu einer bloßen biologischen Ressource degradiert. Patočka unterteilt menschliche Existenz in drei Bewegungen. Die ersten beiden dienen dem bloßen Überleben, der Arbeit, der Absicherung. Die dritte ist der Durchbruch zur Wahrheit und Freiheit. Totalitäre Systeme versuchen, die Menschen in den ersten beiden Bewegungen gefangenzuhalten, damit sie die Freiheit vergessen.
Daraus entwickelt er den Begriff der Solidarität der Erschütterten: Wer die Grausamkeit der Geschichte, Weltkriege, totalitäre Systeme, durchlebt und die absolute Endlichkeit des Lebens akzeptiert, erfährt eine existenzielle Erschütterung. Wer diese Erschütterung durchsteht, erkennt, dass bloßes biologisches Überleben nicht der höchste Wert ist. Daraus entsteht eine übernationale Solidarität derer, die bereit sind, für Freiheit und Wahrheit einzustehen, nicht für sich selbst, sondern für das, was nach ihnen kommt.
Diese Philosophie blieb nicht auf dem Papier. Als Anfang 1977 in Prag die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 gegründet wurde, übernahm der fast siebzigjährige Patočka neben Václav Havel die Rolle des ersten Sprechers. Es ging ihm nicht um einen klassischen Machtkampf, sondern um eine moralische Instanz in der Tradition des Sokrates: das „Leben in der Wahrheit“ gegen die staatlich verordnete Lüge. Das kommunistische Regime drohte den Unterzeichnern mit Haft, Berufsverboten, sozialer Isolation. Für Patočka war klar: Die moralische Verantwortung für die Zukunft der tschechoslowakischen Gesellschaft wiegt schwerer als das persönliche Risiko.
Im März 1977 wurde Patočka von der tschechoslowakischen Staatssicherheit tagelang brutalen Verhören ausgesetzt. Am 13. März 1977 starb er an den Folgen einer Gehirnblutung. Sein Tod wurde zur tragischen Bestätigung seiner eigenen Phänomenologie: Seine physische Existenz endete, aber seine unverbrauchte Energie übertrug sich schlagartig auf die Gemeinschaft. Er wurde zur moralischen Symbolfigur des Widerstands. Sein Denken prägte maßgeblich Václav Havel, der Patočkas Philosophie des „Lebens in der Wahrheit“ übernahm und sie 1989 in die Samtene Revolution und schließlich in das Amt des Staatspräsidenten trug.
Patočkas Philosophie besagt im Kern: Verantwortung bedeutet, so zu handeln, dass das eigene Leben nach dem biologischen Tod fruchtbaren Boden für die Zukunft der Anderen hinterlässt. Er hat diesen Gedanken nicht nur aufgeschrieben. Er hat ihn mit seiner Unterschrift unter der Charta 77 und mit seinem Leben besiegelt.
5. Verwandte Geister
Patočkas Denken steht nicht allein. Fünf Denker berühren seine Positionen aus ganz unterschiedlichen Richtungen, und jede dieser Begegnungen schärft, was an ihm eigentlich neu ist.
Am nächsten steht ihm Maurice Merleau-Ponty, der französische Phänomenologe. Beide korrigierten die abstrakte Phänomenologie Edmund Husserls in dieselbe Richtung: Sie gründen das menschliche Dasein im spürenden, physischen Körper. Merleau-Pontys Begriff des Chiasma, die untrennbare Verflechtung von Subjekt und Welt, entspricht Patočkas Idee, dass Ich und Andere fundamental miteinander verwoben sind.
Hans Jonas liefert die philosophische Entsprechung für Patočkas Verantwortung gegenüber der Nachwelt. Genau wie Patočka sieht Jonas das Leben als Kontinuum: Wir haben eine Pflicht gegenüber einer Zukunft, die wir selbst nicht mehr erleben werden.
Hannah Arendt berührt Patočka in der politischen Dimension. Während Heidegger, und zunächst auch Patočka, den Tod ins Zentrum stellt, betont Arendt die Natalität, die Gebürtlichkeit: Jede Geburt bringt die Fähigkeit mit sich, etwas völlig Neues in der Welt anzufangen. Auch Arendts Begriff des Handelns als gemeinsames, freies Sprechen im öffentlichen Raum deckt sich fast eins zu eins mit Patočkas Engagement für die Charta 77.
Emmanuel Levinas führt Patočkas Bruch mit Heidegger konsequent weiter. Levinas‘ gesamte Philosophie gründet im Angesicht des Anderen: Das Ich konstituiert sich erst durch die Verantwortung für den Mitmenschen. Für Levinas ist nicht der eigene Tod das primäre philosophische Problem, sondern der Tod des Anderen und die Trauer darüber, exakt der Ausgangspunkt von Patočkas Phänomenologie.
Aus soziologischer Richtung nähern sich Alfred Schütz und Thomas Luckmann demselben Feld. Ihre Phänomenologie der Lebenswelt beschreibt, wie Wissen, Werte und unverbrauchte Energien über Generationen hinweg vergesellschaftet und weitergegeben werden.
Und schließlich, aus einer ganz anderen Disziplin: der Theologe Paul Tillich. Sein „Der Mut zum Sein“ trifft sich mit Patočkas „Solidarität der Erschütterten“ fast wörtlich, beide reagieren auf dieselben Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Auch in der Heidegger-Kritik gehen beide denselben Weg: Tillich betont, dass wahre Existenz sich im „Sein-mit-anderen“ verwirklicht. Und beide verbindet der Begriff des Kairos, der erfüllten geschichtlichen Zeit: Für Patočka war die Gründung der Charta 77 genau ein solcher Moment, ein historischer Augenblick, in dem das Zögern enden musste.
6. Sehnsucht als Kompass
Wie kommt es, dass Menschen einen Abwesenden überhaupt als real im Bewusstsein behalten können? Zwei Psychologen liefern dafür das Fundament, auf dem Patočkas Philosophie ruht, ohne es selbst zu benennen.
Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget entdeckte in seinem Stufenmodell die Objektpermanenz: Kleinkinder lernen im ersten Lebensjahr, dass Objekte und Personen auch dann weiterexistieren, wenn sie sich außerhalb des eigenen Sichtfelds befinden. Patočka hebt diese elementare psychologische Fähigkeit auf eine existenzielle Ebene. Der Tod entzieht den geliebten Menschen radikal unseren Sinnen, aber unser Bewusstsein besitzt die Struktur, diesen Abwesenden als realen Bezugspunkt beizubehalten.
Der Kulturpsychologe Ernst E. Boesch, ein Schüler Piagets, führt diesen Gedanken einen entscheidenden Schritt weiter. Zentral ist dabei sein Begriff der Sehnsucht. Heimweh, so Boesch, ist nicht die Sehnsucht nach einem konkreten geografischen Ort der Vergangenheit. Es ist die Sehnsucht nach einem Gefühl der Ganzheit, Geborgenheit und Stimmigkeit, einem „Phantasem des vollkommenen Zustands“. Diese Sehnsucht ist intentional, zielgerichtet: Wir projizieren dieses Ideal einer heilen Welt in die Zukunft. Der Verlust eines geliebten Menschen reißt diese Ganzheit jäh auseinander. Die Sehnsucht nach dem Verstorbenen ist für Boesch der Versuch, dessen abgebrochene Lebensspur gedanklich weiterzuführen.
Boesch untersuchte zudem, wie Gegenstände, ein Buch, eine Uhr, ein Möbelstück, durch menschliche Handlungen mit symbolischer Bedeutung aufgeladen werden. Bei Patočka sind es genau diese Objekte, die als physische Anker der unverbrauchten Energie in der Lebenswelt wirken. Und auch das menschliche Handeln selbst, so Boesch, reicht immer über die Gegenwart hinaus. Das Nachleben eines Toten findet für ihn in den Geschichten statt, die die Überlebenden über ihn weitererzählen.
7. Trauer, die nach vorne arbeitet
Kombiniert man Patočkas Phänomenologie mit Boeschs Kulturpsychologie, ergibt sich eine Formel, die zunächst überraschend klingt: Trauer ist kein Zustand des Stehenbleibens, sondern die schmerzhafte Arbeit, die Zukunft überhaupt erst wieder bewohnbar zu machen.
Stirbt ein geliebter Mensch, bricht nicht die Vergangenheit weg, sie ist ja geschehen und bleibt bestehen. Es bricht die gemeinsame Zukunft weg. Der Weg aus dieser Krise verbindet Trauer und Zukunft auf drei Ebenen: Erstens öffnet sich die zunächst blockierte Zukunft wieder, weil der Tote von einem äußeren Gegenüber zu einem inneren Begleiter wird. Zweitens wird Trauer zur Aktualisierung unverbrauchter Energie: Indem der Trauernde die Werte des Verstorbenen weiterlebt, trägt er dessen Wesen in die Zukunft. Drittens wird die Sehnsucht zur Brücke und zum moralischen Kompass: Der Verstorbene wird zu einer inneren Instanz für zukünftige Entscheidungen.
Trauer ist damit ein Brückenschlag über den Abgrund des Todes hinweg. Am Ende der Trauer steht nicht das Vergessen, sondern die Erkenntnis: Der Andere ist ein fester, aktiver Teil der eigenen Zukunft geblieben.
8. Rituale als Werkzeug
Rituale sind die konkreten Werkzeuge, mit denen Menschen Patočkas und Boeschs Theorien im Alltag umsetzen. Das Begräbnis gibt der unfassbaren Abwesenheit einen festen, physischen Ort: das Grab. Der Friedhofsbesuch ist Boeschs „persönliches Objekt“ in Aktion, Blumen pflanzen, eine Kerze entzünden, Handlungen, die über die Gegenwart hinausweisen. Gedenktage und Jahrestage schließlich holen den Verstorbenen zyklisch zurück in die Gegenwart der Lebenden und laden seine unverbrauchte Energie kollektiv neu auf. Rituale sind damit die Brücke, die verhindert, dass Trauernde im Abgrund des Verlusts steckenbleiben.
9. Wenn die Maschine trauert
Was passiert, wenn nicht mehr Menschen die unverbrauchte Energie eines Verstorbenen weitertragen, sondern eine Software das übernimmt? Griefbots, KI-Systeme, die aus Chatverläufen, Sprachnachrichten und E-Mails das Sprachverhalten und die Persönlichkeit eines Verstorbenen simulieren, stellen Patočkas Philosophie vor eine völlig neue Herausforderung.
Für Patočka mussten die Lebenden die Energie des Toten aktiv in die Zukunft tragen. Bei einem KI-Avatar interagiert das System scheinbar selbstständig mit der Zukunft. Statt den schmerzhaften „Sprung über die Leere“ zu wagen, den Patočka beschreibt, erlaubt die Technologie, die Leere technologisch zu füllen. Die Gefahr: Trauernde bleiben in einer künstlich konservierten Gegenwart stecken, statt eine echte, veränderte Zukunft zu betreten.
Sigmund Freud lieferte dafür bereits 1917 das passende Vokabular. In seiner Schrift über „Trauer und Melancholie“ unterscheidet er zwei Reaktionen auf einen schweren Verlust. Die gesunde Trauer ist harte Arbeit: Das Ich zieht Stück für Stück die psychische Energie vom verlorenen Menschen ab, bis am Ende die Reintegration steht. Die Melancholie dagegen ist der misslungene Fall: Der Melancholiker kann nicht loslassen, identifiziert sich so radikal mit dem Toten, dass er sich selbst abwertet. Die Zukunft bleibt blockiert. Genau das leistet der Griefbot, aus dieser Perspektive: Er verhindert den schmerzhaften, aber notwendigen Abzug der psychischen Energie, weil die Maschine täuschend echt antwortet.
Auch die moderne Trauerpsychologie stützt diese Skepsis. Das Duale Prozessmodell von Margaret Stroebe und Henk Schut beschreibt gesunde Trauer als Pendelbewegung zwischen dem verlustorientierten Erleben von Schmerz und dem wiederherstellungsorientierten Meistern des neuen Alltags. Ein KI-Avatar zieht den Trauernden ununterbrochen an den verlustorientierten Pol, das Pendel friert ein. Das Konzept der Continuing Bonds zeigt, dass gesunde Trauer nicht das Loslassen einer Bindung bedeutet, sondern ihre Verwandlung von einer äußeren zu einer inneren Präsenz, ein Griefbot verhindert genau diese Verinnerlichung. Hinzu kommt eine tiefe Dissonanz zwischen dem rationalen Wissen, dieser Mensch ist tot, und dem emotionalen Bindungssystem, das bei jeder täuschend echten Nachricht signalisiert, dieser Mensch lebt, ein Zustand, der anhaltende, pathologische Trauerstörungen begünstigt.
Patočkas Philosophie beruht auf Verantwortung und der Moralität des Überlebenden, auf der Mühe, sich den Fragen des Toten selbst auszusetzen. Wenn eine Maschine diese Pflege der Erinnerung übernimmt, droht genau dieser moralische Reifungsprozess verloren zu gehen. Wahre Zukunft entsteht nicht dadurch, dass wir die Lücke, die der Tod gerissen hat, technologisch betäuben, sondern dadurch, dass wir den Schmerz annehmen und die Werte des Toten in unserem eigenen, realen Handeln weiterleben lassen.
10. Zukunft für alle, oder Zukunft für Milliarden?
Patočka dachte Verantwortung in überschaubaren Kreisen: die nächste Generation, die eigene Gesellschaft, die Nachwelt, die man sich noch vorstellen kann. Eine philosophische Strömung der Gegenwart, der Longtermism, denkt dieselbe Frage in kosmischen Dimensionen weiter, und stößt dabei an eine Grenze, an der Patočkas Denken plötzlich wieder hochaktuell wird.
Vertreter wie William MacAskill, Nick Bostrom und Toby Ord argumentieren mit drei einfachen Sätzen: Zukünftige Menschen zählen moralisch genauso viel wie heute lebende. Die Zukunft ist gigantisch, die Zahl möglicher künftiger Menschen übersteigt die heute lebenden astronomisch. Und wir können diese Zukunft beeinflussen. Aus diesen drei Prämissen folgt eine radikale Priorität: Der Schutz vor existenziellen Risiken wie unkontrollierter künstlicher Intelligenz, Pandemien oder nuklearer Katastrophen soll die höchste moralische Priorität unserer Zeit sein, wichtiger als akute Armut oder Welthunger im Hier und Jetzt. Kritiker werfen der Bewegung deshalb moralischen Größenwahn vor und sehen darin ein bequemes Alibi für Tech-Milliardäre, sich vor sozialer Verantwortung in der Gegenwart zu drücken.
Wie heikel diese Rechnung wird, zeigt ein Gedankenexperiment des Philosophen Derek Parfit, die sogenannte Repugnant Conclusion: eine kleine Bevölkerung mit einem rundum glücklichen Leben, oder eine unvorstellbar riesige Bevölkerung, deren Leben kaum lebenswert ist, aber deren Gesamtsumme an Glück rein rechnerisch größer ausfällt? Der klassische Utilitarismus muss sich für die zweite Welt entscheiden, eine Schlussfolgerung, die fast jeder intuitiv als falsch empfindet.
Hier schließt sich der Kreis: Patočkas Verantwortung für die Nachwelt bleibt an das Gesicht des konkreten Anderen gebunden, an Menschen, deren unvollendete Fragen wir tatsächlich übernehmen können. Der Longtermism dagegen verantwortet sich gegenüber abstrakten Zahlen möglicher Menschen. Beide eint die Überzeugung, dass Zukunft moralisch zählt. Doch nur bei Patočka bleibt sie ein Gesicht, dem wir etwas schulden, nicht nur eine Statistik, die wir optimieren.
