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Das Fremde als Spiegel der Existenz

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Ein Blick auf die Bibel, Paul Tillich und Jean-Paul Sartre – und darauf, was das für Migrationsdebatte und Antisemitismus heute bedeutet.

Für den schnellen Leser

Die Angst vor dem äußeren Fremden ist selten das, was sie vorgibt zu sein – sie ist meist die Verkleidung einer inneren Entfremdung. Diese These entfaltet der Essay entlang von drei Bezugspunkten.

Schon die Bibel trägt einen offenen Streit aus: Das Buch Esra zieht nach dem babylonischen Exil aus Überlebensangst enge Grenzen und verstößt fremde Frauen im Namen des „heiligen Samens“. Das Buch Rut hält dagegen: Die moabitische Fremde wird durch gelebte Treue zur Urgroßmutter Davids – Zugehörigkeit ist keine Frage der Abstammung. Jesus radikalisiert diesen Gegenentwurf, indem er sich im barmherzigen Samariter und in der Gerichtsrede (Mt 25) selbst mit dem Fremden identifiziert.

Paul Tillich liefert die ontologische Erklärung für die Eskalation: Der Mensch ist von Grund auf von sich selbst entfremdet, was eine Ur-Angst vor Sinnlosigkeit und Tod erzeugt. In Krisenzeiten wird diese Angst kollektiv auf ein Idol (Nation, Rasse) übertragen – der äußere Fremde dient dabei als Projektionsfläche für unbewältigte innere Zerrissenheit. Der Essay überträgt dieses Muster auf drei Achsen der heutigen Migrationsdebatte: die Personalisierung abstrakter Ohnmacht („Invasion“), die Verlagerung der eigenen Identitätskrise nach außen und das „moderne Esra-Muster“ der Festung Europa.

Sartre seziert in „Überlegungen zur Judenfrage“ den Antisemitismus als Sonderfall: Der Antisemit flüchtet vor dem Schwindel der Freiheit in eine unhinterfragbare Identität und erschafft den Juden als Konstrukt, das er existenziell braucht, um sich selbst als „rein“ zu erklären – abstrakte Systeme bekommen so ein Gesicht (RIAS zählte 2025 in Deutschland 8.725 antisemitische Vorfälle, mehr als dreimal so viele wie 2022).

Die Diagnose bleibt differenziert: Abgrenzung einer traumatisierten Minderheit ist nicht per se falsch – problematisch wird sie erst als Selbstzweck, als „mauvaise foi“ gegen sich selbst. Der christlich geprägte Antisemitismus erscheint dabei als radikalster Fall von Selbstentfremdung, da er sich gegen die eigenen jüdischen Wurzeln der westlichen Ethik richtet.

Fazit: Der Umgang mit dem Fremden ist der ehrlichste Seismograph einer Gesellschaft. Echte Heilung liegt nicht in politischer Kosmetik, sondern im „Mut zum Sein“ (Tillich) beziehungsweise im Ergreifen echter Freiheit (Sartre) – dem Mut, die eigene Verwundbarkeit anzunehmen, statt sie auf den Fremden abzuwälzen.

I. Zwei Bibeln, ein Streit: Esra gegen Rut

Niemand begegnet dem Fremden neutral. Er fasziniert, er stößt ab, er verspricht Weite und droht mit Verlust – oft im selben Atemzug. Diese Ambivalenz ist kein Randthema der Kulturgeschichte. Sie berührt den Kern dessen, was Religionen unter dem Menschen und unter Gott verstehen. Denn im Fremden verhandelt eine Gesellschaft nichts anderes als sich selbst.

Die Angst vor dem äußeren Fremden ist fast nie, was sie zu sein behauptet. Sie ist die Verkleidung einer inneren Entfremdung – des Menschen von sich selbst, von seinem Ursprung, von seinem Grund. Eskaliert diese Angst, wie derzeit in der Migrationsdebatte und im wieder erstarkenden Antisemitismus, wird sie zum Sündenbock-Mechanismus: Das Fremde muss herhalten für eine Haltlosigkeit, die hausgemacht ist.

Wer in der Bibel nach dem Umgang mit Fremden sucht, findet keine einheitliche Antwort, sondern einen offenen Konflikt – ausgetragen mitten im Kanon.

Im 5. Jahrhundert vor Christus, kurz nach der Katastrophe des babylonischen Exils, zieht das Buch Esra die Grenzen eng. Aus der Angst vor Auflösung entsteht das Konzept des „heiligen Samens“ (Esra 9,2): Reinheit als Überlebensstrategie. Die Konsequenz ist hart – ausländische Frauen und ihre Kinder werden verstoßen (Esra 10). Esra antwortet auf Verwundbarkeit mit Ausgrenzung.

Das Buch Rut hält dagegen – mit einer Provokation im Zentrum: Die Heldin ist Moabiterin, nach dem Gesetz (Dt 23,4) eigentlich für immer ausgeschlossen. Zugehörigkeit, sagt dieses Buch, ist keine Frage der Abstammung, sondern der Chesed, gelebter Treue: „Dein Volk ist mein Volk“ (Rut 1,16). Die Pointe sitzt: Rut wird zur Urgroßmutter Davids. Ohne die Integration der Fremden – keine Heilsgeschichte Israels.

Das Neue Testament radikalisiert diesen Konflikt weiter. Während sich die Urgemeinde im Apostelkonvent (Apg 15) noch mühsam über Grenzen verständigt, sprengt Jesus die Kategorie „fremd“ komplett. Im barmherzigen Samariter (Lk 10) wird der religiös Fremde zum moralischen Vorbild. Und in der Gerichtsrede (Mt 25) geht Jesus noch weiter: Er identifiziert sich selbst mit dem Fremden – „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35). Der Umgang mit dem Fremden wird zur Nagelprobe des Glaubens.

II. Tillich: Der Fremde als Projektionsfläche

Warum eskaliert diese Spannung so leicht zur Angst? Der Theologe Paul Tillich, der 1933 selbst vor den Nationalsozialisten fliehen musste, liefert die Erklärung – und verlagert den Begriff des Fremden vom Geografischen ins Ontologische.

Für Tillich ist der Mensch von Grund auf zerrissen: getrennt von seinem Seinsgrund, von sich selbst, von den anderen. Diese Entfremdung ist keine Charakterschwäche, sondern die Struktur menschlicher Existenz überhaupt – und sie erzeugt eine Urangst vor Sinnlosigkeit, Schuld, Tod.

Springt diese Angst in Krisenzeiten von Einzelnen auf Kollektive über, entsteht laut Tillich ein „neurotischer Ausweg“: Massen opfern ihre Freiheit an ein Idol – Nation, Rasse, totalitärer Staat. Genau hier zeigt sich die Funktion des äußeren Fremden: Er ist die Leinwand, auf die eine Gesellschaft ihre eigene, unbewältigte Zerrissenheit projiziert. Wer den Fremden bekämpft, bekämpft in Wahrheit die eigene innere Unruhe – nur am falschen Objekt.

III. Die Gegenwart: Drei Projektionsachsen der Migrationsdebatte

Diese Mechanik lässt sich an der heutigen Migrationsdebatte fast lehrbuchhaft ablesen. Klimakrise, wirtschaftliche Unsicherheit, schwindendes Institutionenvertrauen, der Verlust gemeinsamer Erzählungen – all das erzeugt eine diffuse Angst vor Kontrollverlust. Diese Angst ist zu abstrakt, um sie zu bekämpfen. Also sucht sie sich ein konkretes Ziel:

  • Die Ohnmacht bekommt ein Gesicht. Nicht unsichtbare globale Systeme bedrohen das eigene Leben, sondern der Mensch an der Grenze. Das Wort „Invasion“ übersetzt eine abstrakte Angst in ein Feindbild mit Gesicht.
  • Die Identitätskrise wird nach außen verlagert. Migranten wird stereotyp eine geschlossene, ungebrochene Identität unterstellt – während die eigene brüchig geworden ist. Die aggressive Abwehr des fremden Glaubens ist oft nichts anderes als die Kehrseite der eigenen Orientierungslosigkeit.
  • Das Esra-Muster kehrt zurück. Der Ruf nach „Festung Europa“, nach Zäunen und ausgelagerten Asylverfahren, ist der alte Fluchtreflex in neuem Gewand: Man baut äußere Mauern, um die inneren nicht einreißen zu müssen.

IV. Sartre: Wie der Antisemit den Juden erschafft

Klassischer Rassismus wertet den Fremden ab. Der Antisemitismus geht weiter – er konstruiert den Juden als das mächtige, unsichtbare, böse Fremde. Die Zahlen sind eindeutig: Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) registrierte für 2025 in Deutschland 8.725 antisemitische Vorfälle – gegenüber 2.610 im Jahr 2022 hat sich die Zahl binnen drei Jahren mehr als verdreifacht. Jean-Paul Sartre seziert den psychologischen Mechanismus dahinter bereits 1946 in „Überlegungen zur Judenfrage“ mit chirurgischer Präzision.

Drei Thesen tragen seine Analyse:

Erstens: Freiheit macht schwindelig. Der Mensch, so Sartre, ist zur Freiheit verurteilt und trägt die volle Verantwortung für sein Leben. Der Antisemit erträgt diesen Schwindel nicht. Er flüchtet in die Erstarrung einer unhinterfragbaren Identität – Nation, Volk, Blut. Er definiert sich nicht durch das, was er tut, sondern durch das, was er angeblich „schon immer ist“.

Zweitens, und das ist Sartres schärfste Formulierung: Der Antisemit schafft den Juden. Der reale Mensch ist irrelevant – der Antisemit reagiert nur auf sein eigenes Konstrukt. Er braucht dieses Feindbild existenziell: Ohne den „bösen Fremden“ bräche sein ganzes Selbstbild zusammen. Der Hass ist der billige Trick, sich selbst ohne jede Leistung als „rein“ zu erklären.

Drittens: Komplexität bekommt ein Gesicht. Finanzmärkte, Bürokratie, gesellschaftlicher Wandel – all das ist zu komplex, um es zu hassen. Also wird es personifiziert: zur „jüdischen Weltverschwörung“. Der Antisemitismus wird so, in Tillichs Begriffen, zur Ersatzreligion: Er verspricht Erlösung durch Vernichtung des einen, absolut bösen Fremden.

V. Die Diagnose

Aus Bibel, Tillich und Sartre zusammengelesen ergibt sich ein klarer Befund – mit einer wichtigen Einschränkung: Esras Politik der Abgrenzung pauschal zu verurteilen wäre zu einfach. Eine traumatisierte Minderheit braucht Schutzstrukturen, um zu überleben. Die Grenze wird erst dort überschritten, wo Abgrenzung zum Selbstzweck wird – wo sie, in Sartres Begriff, zur mauvaise foi gerinnt, zur Unaufrichtigkeit gegen sich selbst. Wenn die Sorge um die eigene Reinheit die Barmherzigkeit erstickt, korrumpiert sich eine Kultur selbst.

Der christlich geprägte Antisemitismus ist dabei der radikalste Fall von Selbstentfremdung überhaupt. Da Christentum und westliche Ethik im Judentum wurzeln, ist der Hass auf den Juden – zugespitzt gesagt – ein Hass auf die eigenen moralischen Fundamente. Auf Forderungen nach Nächstenliebe und Gerechtigkeit, die man selbst nicht einlöst.

Dagegen setzen Rut und Jesus einen Gegenentwurf, der diesen Mechanismus therapeutisch aufbricht: Indem Jesus sich mit dem verletzlichen Fremden identifiziert (Mt 25), entzieht er dem Menschen die Möglichkeit, das Fremde als Sündenbock zu missbrauchen. Wer den Fremden abweist, weist das Göttliche ab.

Fazit: Der Test einer Gesellschaft

Wie eine Gesellschaft mit dem Fremden umgeht, ist ihr ehrlichster Seismograph. Weder Migrationskrise noch Antisemitismus lassen sich mit politischer Kosmetik oder moralischen Appellen lösen. Solange eine Gesellschaft ihre eigene innere Entfremdung nicht anerkennt, wird sie das Fremde brauchen – als „minderwertigen Migranten“ oder als „allmächtigen Juden“ – um den eigenen Schatten irgendwo abzuladen.

Die einzige echte Heilung liegt in dem, was Tillich den „Mut zum Sein“ nennt und Sartre als das Ergreifen echter Freiheit beschreibt: der Mut, die eigene Verwundbarkeit, Ohnmacht und Schuld anzunehmen – ohne in paranoide Abwehr zu flüchten. Erst wer der eigenen inneren Fremdheit standhält, verliert die Angst vor der äußeren. Dann muss man den Fremden nicht mehr bekämpfen. Man kann ihm begegnen – oder, wie es der Hebräerbrief sagt, einem „Engel, den man ohne sein Wissen beherbergt“ (Hebr 13,2).