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Wenn die Welt zu viel bedeutet

samuel regan asante COYmN5Kqquc unsplash

Wahn, Gewissheit und die Grenze der geteilten Wirklichkeit

Ende der 1950er Jahre besuchte der Harvard-Mathematiker George Mackey einen Fachkollegen in der psychiatrischen McLean-Klinik bei Boston. Der Patient war John Forbes Nash, ein junges Genie, dessen Arbeiten zur Spieltheorie ihm Jahrzehnte später den Nobelpreis einbringen sollten. Nash war inzwischen überzeugt, außerirdische Mächte sendeten ihm verschlüsselte Botschaften, und er sei auserwählt, sie zu entziffern. Mackey stellte die Frage, die sich jeder Besucher gestellt hätte: Wie konnte ausgerechnet er, ein Mann der Logik und des strengen Beweises, so etwas glauben? Nash antwortete, so berichtet es seine Biografin Sylvia Nasar, die Ideen über übernatürliche Wesen seien ihm auf dieselbe Weise gekommen wie seine mathematischen Ideen. Also habe er sie ernst genommen.

Diese Antwort ist erschütternder als jede Beschreibung von Symptomen. Sie besagt: Von innen fühlte sich der Wahn nicht anders an als die Erkenntnis. Beide kamen mit derselben Evidenz, derselben Plötzlichkeit, derselben Gewissheit. Die Instanz, die Nash zu einem der schärfsten Denker seiner Generation gemacht hatte, konnte zwischen beiden nicht unterscheiden, weil sie selbst betroffen war.

In dieser Serie ist ein Satz mehrfach aufgetaucht: Die Gewissheit eines Erlebens verbürgt nicht die Wahrheit seiner Deutung. Er fiel bei den Meditierenden Thomas Metzingers, er fiel beim Anton-Syndrom, bei dem Blinde darauf bestehen, zu sehen. Im Wahn wird dieser Satz auf die härteste Probe gestellt. Denn hier ist es nicht eine Ausnahmeerfahrung, die gedeutet werden muss. Hier hat sich die Weise verändert, in der Welt überhaupt erscheint. Dieser Artikel fragt deshalb nicht nur, was ein Mensch im Wahn glaubt. Er fragt, wie dieser Glaube seine zwingende Kraft gewinnt, was in ihm geordnet wird und was das über das gewöhnliche Bewusstsein verrät.

I. Was ein Wahn ist und was nicht

Die klassische Bestimmung stammt von Karl Jaspers. In seiner „Allgemeinen Psychopathologie“ (1913) nannte er drei äußere Merkmale des Wahns: eine außergewöhnliche subjektive Gewissheit, die Unbeeinflussbarkeit durch Erfahrung und zwingende Gegengründe und die Unmöglichkeit des Inhalts. Heutige Diagnosehandbücher sagen im Kern dasselbe, nüchterner: Ein Wahn ist eine feste Überzeugung, die sich angesichts widersprechender Belege nicht ändert.

Jaspers wusste selbst, dass diese Merkmale nur die Außenseite beschreiben. Am deutlichsten zeigt das der Eifersuchtswahn. Ein Mann ist unerschütterlich überzeugt, seine Frau betrüge ihn. Er durchsucht ihre Taschen, deutet jede Verspätung, jede Haarnadel, jedes Lächeln als Beweis. Nun kann es sein, dass die Frau ihn tatsächlich betrügt. Der Wahn wird dadurch nicht zur gesunden Einsicht. Er war vorher da, er hätte sich durch nichts widerlegen lassen, und er stützt sich auf „Beweise“, die keine sind. Ein Wahn kann zufällig recht haben. Was ihn zum Wahn macht, ist nicht der falsche Inhalt, sondern die Art, wie die Gewissheit zustande kommt und wie sie sich gegen jede Prüfung abschließt.

Ebenso wichtig ist, was kein Wahn ist. Ein Irrtum lässt sich korrigieren, wenn bessere Gründe kommen. Eine überwertige Idee, etwa eine leidenschaftlich verfolgte Kränkung, beherrscht ein Leben, bleibt aber im Rahmen des Verständlichen. Und religiöse Überzeugungen oder Weltanschauungen, die eine Gemeinschaft teilt und überliefert, sind schon deshalb kein Wahn, weil sie nicht aus der Welt eines Einzelnen hervorgehen, sondern aus einer gemeinsamen Praxis. Auch Verschwörungsglaube ist, so beunruhigend er sein mag, in aller Regel kein Wahn im klinischen Sinn. Er wird sozial gestützt, verbreitet und bestätigt. Der Wahn dagegen ist zutiefst einsam: Er gilt für einen Menschen und meist für niemanden sonst.

Die Inhalte des Wahns sind dabei erstaunlich begrenzt. Verfolgung, Beeinträchtigung und Beziehung auf die eigene Person stehen weit vorn. Dazu kommen Größe, Eifersucht, Liebe, die Erotomanie, bei der jemand überzeugt ist, eine meist höhergestellte Person liebe ihn heimlich, und in schweren Depressionen der Wahn der Schuld, der Verarmung und der unheilbaren Krankheit. Fast immer geht es um dieselben großen Fragen: Bin ich bedroht? Bin ich bedeutend? Bin ich geliebt? Bin ich schuldig? Der Wahn erfindet keine neuen Themen. Er radikalisiert die ältesten.

II. Bevor der Wahn einen Inhalt hat

Selten beginnt ein Wahn mit einer fertigen Idee. Oft steht am Anfang eine Veränderung, die sich kaum benennen lässt. Jaspers sprach von der Wahnstimmung: Die Welt ist anders geworden. Etwas liegt in der Luft. Vertraute Straßen, Gesichter und Gegenstände wirken fremd, bedeutungsschwer, als kündigten sie etwas an. Noch weiß der Betroffene nicht, was. Aber er weiß, dass etwas geschieht, und dass es ihn betrifft.

Der Psychiater Klaus Conrad hat diesen Weg 1958 in seiner Studie „Die beginnende Schizophrenie“ wie einen Bühnenablauf beschrieben. Zuerst kommt das Trema, ein Wort aus der Theatersprache für Lampenfieber: eine gespannte, ängstliche Erwartung ohne Gegenstand. Dann folgt die Apophänie, das „Offenbarwerden“. Plötzlich zeigt sich ein Zusammenhang, wo vorher keiner war. Der Mann an der Ecke steht nicht zufällig dort, das Nummernschild trägt nicht zufällig diese Ziffern, der Satz im Radio ist nicht zufällig gefallen. Und schließlich die Anastrophé, die Wendung auf sich selbst: Alles, was geschieht, geschieht meinetwegen. Der Betroffene erlebt sich als Mittelpunkt einer Welt, die sich gegen ihn oder um ihn herum verschworen hat.

Was Conrad beschreibt, hat die Hirnforschung ein halbes Jahrhundert später in eigener Sprache wiedergefunden. Der Psychiater Shitij Kapur deutete die Psychose 2003 als Zustand „aberranter Salienz“. Salienz heißt Auffälligkeit: das Gewicht, mit dem ein Reiz sich aus dem Hintergrund hebt und Aufmerksamkeit verlangt. Normalerweise sorgt das Gehirn, unter anderem über den Botenstoff Dopamin, dafür, dass Wichtiges hervortritt und Belangloses im Hintergrund bleibt. Gerät diese Gewichtung aus dem Takt, erscheinen belanglose Dinge plötzlich bedeutsam. Der Wahn ist dann, so Kapur, der Versuch des Betroffenen, sich diese seltsam aufgeladenen Erfahrungen zu erklären. Erst kommt die Bedeutung, dann die Geschichte, die sie verständlich macht.

Damit schließt sich ein Kreis zu einer Auffassung, die in der Bewusstseinsforschung zunehmend Anhänger findet: Wahrnehmung sei eine fortlaufende Vorhersage des Gehirns, die von den Sinnen korrigiert wird, eine „kontrollierte Halluzination“, wie Anil Seth sagt. Die Psychiater Paul Fletcher und Chris Frith haben 2009 vorgeschlagen, Wahn und Halluzination genau in diesem Rahmen zu verstehen: als Störung im Abgleich zwischen Erwartung und Fehlermeldung. Wenn das Gehirn ständig Alarm schlägt, hier stimme etwas nicht, obwohl alles stimmt, muss es eine Erklärung finden. Und die Erklärung, die schließlich alle Alarme zur Ruhe bringt, ist oft eine sehr große: eine Verschwörung, eine Sendung, eine Auserwählung. Die Welt hat nicht ihre Bedeutung verloren. Sie bedeutet zu viel.

Ein Text der Romantik hat diesen Vorgang beschrieben, lange bevor es eine Psychiatrie gab, die ihn benennen konnte. In E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ (1816) erkennt der Student Nathanael in einem Wetterglashändler namens Coppola den unheimlichen Advokaten Coppelius wieder, der in seiner Kindheit mit dem Vater nächtliche Experimente trieb und den er für den Tod des Vaters verantwortlich macht. Ist es derselbe Mann? Die Erzählung lässt es offen. Nathanaels Verlobte Clara schreibt ihm einen klugen Brief: Die dunkle Macht, die er fürchte, liege in ihm selbst. Er habe nur deshalb Gewalt über ihn, weil er an sie glaube. Der Brief ist vernünftig, und er erreicht Nathanael nicht. Was folgt, ist eine Welt, die sich immer enger um ihn schließt, bis er sich in den Tod stürzt. Hoffmann zeigt das Trema und die Apophänie, ohne sie zu kennen: die Angst, die nach einem Gegenstand sucht, und den Augenblick, in dem sie ihn findet.

III. Gewissheit vor dem Urteil

Der übliche Begriff vom Wahn unterstellt eine Abfolge: Erst nimmt jemand etwas wahr, dann zieht er falsche Schlüsse daraus. Der Wahn wäre demnach ein Denkfehler, und Denkfehler kann man durch bessere Argumente beheben. Die Erfahrung lehrt das Gegenteil. Argumente prallen ab, mehr noch, sie werden oft zum Beweis: Wer widerspricht, gehört offenbar dazu.

Jaspers hat dafür eine Erklärung angeboten, die bis heute trägt. In zwei frühen Aufsätzen von 1911 und 1913 unterschied er zwischen dem Wirklichkeitscharakter eines Erlebnisses und dem Realitätsurteil. Der Wirklichkeitscharakter ist die unmittelbare Erlebnisqualität: Etwas fühlt sich wirklich an. Das Realitätsurteil ist die ausdrückliche Feststellung: Es ist wirklich. Im Alltag fallen beide zusammen, und wir bemerken ihren Unterschied nicht. Im Traum aber erleben wir Wirklichkeitscharakter, ohne zu urteilen. Und bei bestimmten pathologischen Erlebnissen, so Jaspers, kann der Wirklichkeitscharakter primär gegeben sein, unabhängig von Wahrnehmung und Schluss. Das Urteil folgt dann nur noch nach. Es formuliert eine Gewissheit, die längst da ist.

In diesem Zusammenhang prägte Jaspers einen Begriff, der in dieser Serie für Verwirrung sorgen könnte und deshalb eine Klarstellung verdient: die „leibhaftige Bewusstheit“. Jaspers meinte damit ein unanschauliches Gegenwärtigkeitswissen, das Gefühl etwa, dass jemand hinter einem steht, obwohl man nichts sieht und nichts hört. Das ist etwas anderes als die Bewusstheit, von der in dieser Serie sonst die Rede ist, die Haltung, die die eigenen Unterscheidungen bemerkt und prüft. Die Doppeldeutigkeit ist aber lehrreich. Dasselbe Wort bezeichnet hier die unmittelbare Gewissheit, die täuschen kann, und dort die Fähigkeit, sie zu befragen. Im Wahn hat die erste Bedeutung die zweite verdrängt.

Am klarsten zeigt sich das an der Wahnwahrnehmung, die der Psychiater Kurt Schneider als besonders typisch beschrieb. Ein Mensch sieht tatsächlich einen dunklen Wagen vor seinem Haus. Die Wahrnehmung ist korrekt. Doch mit ihr verbindet sich, ohne verständlichen Anlass, eine Bedeutung, die keinen Zweifel duldet: Der Wagen steht dort meinetwegen, ich werde überwacht. Der Bruch liegt nicht in den Sinnesdaten und nicht in einem nachträglichen Schluss. Er liegt in der Bedeutung, die mit der Wahrnehmung zugleich gegeben ist. Nash hatte genau das beschrieben: Die Idee kam nicht als Hypothese, die man prüft, sondern als Einsicht, die man hat.

Der Film „A Beautiful Mind“ (2001), der Nashs Leben frei nacherzählt, hat aus diesem Befund eine erzählerische Strategie gemacht. Lange Zeit sieht der Zuschauer dieselbe Welt wie Nash: den exzentrischen Zimmergenossen, das kleine Mädchen, den Geheimdienstagenten, der ihn rekrutiert. Erst spät wird klar, dass diese Personen nicht existieren. Der Zuschauer muss seine bisherige Wirklichkeitsannahme rückwirkend korrigieren, und er erlebt dabei für einen Augenblick, wie es ist, wenn etwas den vollen Charakter des Wirklichen hatte und dennoch nicht wirklich war. Man muss allerdings hinzufügen, dass der Film hier dichterische Freiheit in Anspruch nimmt. Der wirkliche Nash hat, nach allem, was bekannt ist, keine Gestalten gesehen, sondern Stimmen gehört und Botschaften entschlüsselt. Der Film macht sichtbar, was im Wahn meist unsichtbar bleibt. Gerade dadurch zeigt er etwas Richtiges: Die Gewissheit ist nicht schwächer als die eines Gesehenen.

IV. Die Logik der Gewissheit

Die Phänomenologie beschreibt, wie sich der Wahn von innen anfühlt. Die kognitive Psychologie hat in den letzten Jahrzehnten gefragt, wie Menschen mit Wahnerfahrungen Informationen verarbeiten. Ihre Befunde sind ernüchternd, weil sie nichts völlig Fremdes zeigen, sondern Verzerrungen, die wir alle kennen, nur in verstärkter Form.

Der bekannteste Befund ist das voreilige Schlussfolgern, englisch „jumping to conclusions“. In einem klassischen Versuch werden Perlen aus einem von zwei verdeckten Gefäßen gezogen, das eine enthält überwiegend rote, das andere überwiegend blaue Perlen. Die Versuchsperson soll entscheiden, aus welchem Gefäß die Perlen stammen, sobald sie sich sicher genug fühlt. Die meisten Menschen ziehen mehrere Perlen, bevor sie entscheiden. Menschen mit Wahnerleben entscheiden auffallend häufig nach einer oder zwei. Die Forschungsgruppen um Philippa Garety und Daniel Freeman haben diesen Befund vielfach bestätigt. Es ist, als würde die Gewissheit schneller erreicht, als die Belege sie tragen.

Hinzu kommt eine Schwierigkeit mit dem Widerspruch. Steffen Moritz und Todd Woodward haben gezeigt, dass Menschen mit Wahn neue Informationen, die einer einmal gefassten Deutung widersprechen, schlechter berücksichtigen. Wer einmal weiß, wird nicht mehr unsicher. Ein dritter Befund betrifft die Zuschreibung von Ursachen. Richard Bentall und andere haben beobachtet, dass Menschen mit Verfolgungswahn negative Ereignisse auffallend häufig anderen Personen und deren Absichten zuschreiben. Bentall hat daraus eine bemerkenswerte These entwickelt: Der Verfolgungswahn könne auch eine Funktion haben, das ohnehin bedrohte Selbstwertgefühl zu schützen. Wenn mir Schlimmes widerfährt, ist es leichter zu ertragen, dass andere mir schaden wollen, als dass ich selbst versagt habe.

Man erkennt hier wieder, was Daniel Kahneman das schnelle, automatische Denken genannt hat, das das Muster findet und Gewissheit erzeugt, bevor das langsame Denken prüfen kann. Und man erkennt einen Unterschied, den die Bewusstseinsphilosophie zwischen Metakognition und Metabewusstsein zieht: zwischen der bloßen Überwachung eigener Zustände und dem Wissen darum. Was im Wahn fehlt, ist oft nicht die Intelligenz, sondern die Fähigkeit, das eigene Urteilen zu überwachen: zu bemerken, dass man zu schnell entschieden hat, dass man Gegenbelege übergeht, dass man immer dieselbe Art von Erklärung wählt.

Wie viel davon in jedem gewöhnlichen Leiden steckt, hat lange vor der Wahnforschung der amerikanische Psychologe Albert Ellis gezeigt. Seine Rational-Emotive Therapie, die er in den 1950er Jahren entwickelte, beruht auf einem einfachen Schema mit drei Buchstaben. A ist das auslösende Ereignis, englisch „activating event“: Der Vorgesetzte grüßt im Flur nicht zurück. B ist der „belief“, die Überzeugung, mit der dieses Ereignis bewertet wird: Er hält mich für unfähig, ich werde bald entlassen. C sind die Konsequenzen, die Gefühle und Handlungen, die daraus folgen: Angst, schlaflose Nächte, Rückzug. Ellis‘ entscheidende Einsicht lautet, dass C sich nicht an A orientiert, sondern an B. Nicht das Ereignis macht uns elend, sondern das, was wir darüber glauben. Ellis berief sich dabei ausdrücklich auf den Stoiker Epiktet: Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen über die Dinge.

Für den Wahn ist dieses Schema in doppelter Weise aufschlussreich. Zunächst zeigt es, wie wenig der Wahn sich in seiner Struktur vom Alltag unterscheidet. Auch im Wahn folgen Angst, Misstrauen und Rückzug nicht aus dem dunklen Wagen vor dem Haus, sondern aus der Überzeugung, er stehe dort zur Überwachung. Zugleich zeigt es die Grenze, an der sich beide trennen. Ellis‘ Therapie setzt darauf, dass der Mensch sein B als B erkennen kann, als Bewertung, die man befragen, prüfen und durch eine angemessenere ersetzen kann. Im Wahn ist genau diese Unterscheidung verloren gegangen. Die Überzeugung erscheint nicht als Deutung des Ereignisses, sondern als Teil des Ereignisses selbst. A und B sind verschmolzen. Das ist, in therapeutischer Sprache, dasselbe, was Jaspers mit der Gewissheit vor dem Urteil beschrieben hat. Deshalb läuft das direkte Bestreiten, das Ellis ins Zentrum seiner Methode stellte, beim Wahn so oft ins Leere: Man kann nicht über eine Bewertung streiten, die der andere gar nicht als Bewertung erlebt.

Steffen Moritz und seine Hamburger Kollegen haben aus den Befunden zu den Denkverzerrungen eine Behandlungsform entwickelt, die genau an dieser Stelle ansetzt, das Metakognitive Training. Es versucht nicht, den Wahn zu widerlegen. Es übt mit den Betroffenen, an harmlosen Beispielen, wie Denkverzerrungen entstehen: wie leicht man sich bei einem mehrdeutigen Bild festlegt, wie rasch man anderen Absichten unterstellt. Das Ziel ist nicht Überredung, sondern ein Abstand zum eigenen Denken. Man könnte auch sagen: Es übt Bewusstheit.

Damit berührt sich der Wahn mit einem Befund der Neurologie, dem Anton-Syndrom, bei dem erblindete Menschen bestreiten, blind zu sein. Ein ähnliches Phänomen kennt die Psychiatrie unter dem Namen mangelnde Krankheitseinsicht. Ein erheblicher Teil der Menschen mit psychotischen Erkrankungen hält sich nicht für krank. Das ist nicht in erster Linie Trotz oder Verleugnung. Es kann selbst Teil der Störung sein, ein Ausfall jener Instanz, die bemerken würde, dass etwas nicht stimmt.

V. Wenn das Vertraute fremd wird

Besonders eindrücklich zeigen einige seltene, eng umgrenzte Wahnformen, wie Erleben und Urteil zusammenwirken. Beim Capgras-Syndrom, 1923 von dem französischen Psychiater Joseph Capgras beschrieben, ist ein Mensch überzeugt, ein naher Angehöriger, meist der Ehepartner, sei durch einen Doppelgänger ersetzt worden. Er sieht genau aus wie die Ehefrau, er spricht wie sie, er weiß, was sie weiß. Aber er ist es nicht.

Die Neuropsychologen Hadyn Ellis und Andrew Young haben eine Erklärung vorgeschlagen, die seither viel Zustimmung gefunden hat. Wenn wir ein vertrautes Gesicht sehen, erkennen wir es nicht nur. Wir reagieren auch emotional, messbar etwa an einer leichten Veränderung der Hautleitfähigkeit. Bei Capgras-Patienten ist das Erkennen intakt, die emotionale Antwort aber fehlt. Das Gesicht ist richtig, doch das Gefühl der Vertrautheit bleibt aus. Und der Geist erklärt sich diesen Widerspruch auf die einzige Weise, die ihm einleuchtet: Das muss ein Fremder sein, der ihr nur gleicht.

Der australische Neuropsychologe Max Coltheart hat daraus ein Zwei-Faktoren-Modell des Wahns entwickelt. Der erste Faktor ist eine ungewöhnliche Erfahrung, hier das fehlende Vertrautheitsgefühl. Der zweite ist eine Schwäche in der Prüfung von Überzeugungen. Erst beide zusammen ergeben den Wahn. Viele Menschen mit vergleichbaren Hirnschäden haben ähnlich seltsame Erfahrungen und sagen doch: Es fühlt sich an, als wäre sie eine Fremde, aber natürlich ist sie es nicht. Ihr Realitätsurteil hält stand, obwohl der Wirklichkeitscharakter des Erlebens sich verändert hat.

Noch radikaler ist das Cotard-Syndrom, das der Neurologe Jules Cotard um 1880 beschrieb und später „Wahn der Verneinung“ nannte. Die Betroffenen sind überzeugt, tot zu sein, keine Organe mehr zu haben, nicht mehr zu existieren. Thomas Metzinger hat solche Fälle als Störungen des Selbstmodells gelesen: Das Gehirn erzeugt weiterhin ein Modell des Organismus, aber diesem Modell fehlt das Merkmal des Lebendigen. Weil das Modell transparent ist, also nicht als Modell erlebt wird, erscheint seine Botschaft als Tatsache.

Hier berührt sich der Wahn mit einem alten Gedanken über das Fremde: Es ist eine Störung im Vertrauten. Im Capgras-Syndrom wird diese Formel buchstäblich. Nicht das Fremde tritt von außen in die Welt, sondern das Vertraute verliert von innen seinen Vertrautheitscharakter. Und das zeigt im Umkehrschluss etwas, das wir sonst nie bemerken: dass Vertrautheit selbst eine Leistung ist, ein stilles Gefühl, das jede Wahrnehmung begleitet und ohne das selbst das geliebteste Gesicht zur Maske wird.

VI. Der Sinn im Unsinn

Wer den Wahn nur als Ausfall beschreibt, übersieht, dass er oft ein Werk ist, eine angestrengte, manchmal grandiose Ordnungsleistung. Niemand hat das eindringlicher gesehen als Sigmund Freud. 1911 veröffentlichte er eine Studie über die „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“, die Lebenserinnerungen des Dresdner Senatspräsidenten Daniel Paul Schreber. Schreber hatte in seinem Wahn ein ganzes Universum entworfen, mit Gottesstrahlen, Seelenmorden und einer Bestimmung, die ihn zur Erlösung der Welt verpflichtete. Freud las dieses Gebäude nicht als sinnlosen Trümmerhaufen, sondern als Rekonstruktion. Sein Satz ist berühmt geworden: „Was wir für die Krankheitsproduktion halten, die Wahnbildung, ist in Wirklichkeit der Heilungsversuch, die Rekonstruktion.“

Man muss Freuds Deutung des Falles Schreber nicht übernehmen, um die Einsicht festzuhalten. Der Wahn kann ein Versuch sein, eine zerfallende Welt wieder zusammenzufügen. Eine diffuse, namenlose Bedrohung erhält Gestalt, Richtung und Urheber. Das macht sie nicht weniger schrecklich, aber begreifbar. Wer verfolgt wird, weiß wenigstens, wer ihn verfolgt.

Auch Freuds Aufsatz „Das Unheimliche“ (1919) gehört hierher, denn er ist im Kern eine Deutung von Hoffmanns „Sandmann“. Unheimlich, so Freud, ist nicht das ganz Fremde, sondern das einst Vertraute, das verdrängt wurde und in entstellter Gestalt wiederkehrt. Nathanaels Angst vor Coppola ist die alte Kinderangst vor dem Sandmann, der den Kindern die Augen raubt. Der Wahn ist hier nicht sinnlos. Er erzählt eine Lebensgeschichte, nur in einer Sprache, die ihr Erzähler selbst nicht versteht.

Ernst Kretschmer hat 1918 einen anderen Zugang beschrieben, den sensitiven Beziehungswahn. Er fand ihn bei empfindsamen, gewissenhaften, leicht kränkbaren Menschen, denen ein beschämendes Schlüsselerlebnis widerfährt, eine Bloßstellung, ein moralisches Versagen, eine verbotene Neigung. Die Scham lässt sich weder verarbeiten noch vergessen, und allmählich beginnt die Umwelt zu reden: Man tuschelt, man spielt auf mich an, man weiß Bescheid. Kretschmer nannte drei Bedingungen: Charakter, Erlebnis und Milieu. Der Wahn wächst hier aus einer Lebensgeschichte heraus, er ist, im Sinne von Jaspers, verstehbar.

Am deutlichsten wird der Sinn des Wahns dort, wo er die Stimmung spiegelt. Ein Mensch in tiefer Depression kann überzeugt sein, er sei schuld am Unglück seiner Familie, er habe alles verloren, er trage eine unheilbare Krankheit in sich. Die Psychiatrie nennt solche Wahninhalte stimmungskongruent. Hier zeigt sich, was der Schweizer Psychiater Luc Ciompi Affektlogik genannt hat: Gefühle ordnen das Denken. Ciompi hatte seine Theorie nicht zufällig in der Arbeit mit schizophrenen Patienten entwickelt. Im Wahn wird sichtbar, wie weit diese Ordnung reichen kann. Die Verzweiflung bringt nicht nur traurige Gedanken hervor, sie bringt eine Welt hervor, in der die Verzweiflung recht hat.

Damit bekommt ein Satz Gewicht, der sich wie ein Leitfaden durch diese Überlegungen zieht: Auch in den Abwegen kann man Wege erkennen. Er bedeutet nicht, dass der Wahn heimlich wahr wäre oder eine höhere Weisheit enthielte. Er bedeutet, dass auch eine fehlgehende Ordnung eine Ordnung ist, mit eigener Logik, eigener Geschichte und eigener Not. Wer sie nur als Irrtum abtut, hat sie klassifiziert, aber nicht verstanden.

VII. Das Kontinuum und die Gemeinschaft

Lange galt der Wahn als etwas kategorial anderes, als Zeichen einer Krankheit, die einen Menschen von den Gesunden trennt. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat dieses Bild aufgeweicht. Der Oxforder Psychologe Daniel Freeman hat in großen Befragungen gezeigt, dass misstrauische und paranoide Gedanken in der Allgemeinbevölkerung weit häufiger sind, als man annehmen würde: der Verdacht, über einen werde geredet, man werde absichtlich übergangen, jemand wolle einem schaden. In einem viel beachteten Experiment ließ er gesunde Versuchspersonen eine Fahrt in einer virtuellen Londoner U-Bahn machen, bevölkert von Figuren, die sich vollkommen neutral verhielten. Ein beträchtlicher Teil der Teilnehmer berichtete hinterher, einzelne Mitreisende seien ihnen feindselig vorgekommen. Der Niederländer Jim van Os spricht von einem Kontinuum psychotischen Erlebens, das von flüchtigen, harmlosen Eigenheiten bis zur schweren Erkrankung reicht.

Das bedeutet nicht, dass jeder ein bisschen wahnsinnig wäre. Die Unterschiede in Gewissheit, Hartnäckigkeit, Leid und Folgen sind erheblich. Aber es bedeutet, dass der Wahn keine Fähigkeit voraussetzt, die dem gesunden Geist fremd ist. Er nutzt dieselben Mechanismen, die uns allen dienen: die Suche nach Mustern, die Unterstellung von Absichten, die Neigung, Mehrdeutigkeit durch eine klare Geschichte zu ersetzen.

Ebenso aufschlussreich ist die soziale Seite. Gregory Bateson hat darauf bestanden, dass Bedeutung nicht im Einzelnen entsteht, sondern in Beziehungen. Seine berühmte These, widersprüchliche Botschaften in der Familie, die sogenannte Doppelbindung, könnten Schizophrenie verursachen, hat sich als Erklärung nicht halten lassen. Richtig bleibt aber, dass Wirklichkeit zwischen Menschen bestätigt, korrigiert oder bestritten wird. Der Wahn ist gerade deshalb so zerstörerisch, weil er diesen Austausch unterbricht. Wer misstraut, zieht sich zurück. Wer sich zurückzieht, verliert die Gelegenheit zur Korrektur. Und wer keine Korrektur mehr erfährt, dem bleibt nur die eigene Gewissheit. Michael Schödlbauer hat in seinem Buch „Wahnbegegnungen“ (2015) den Wahn deshalb ausdrücklich als Beziehungsphänomen beschrieben, das nicht nur im Kopf eines Menschen stattfindet, sondern zwischen ihm und den anderen.

Dass Wahn auch geteilt werden kann, zeigt ein seltenes Phänomen, das französische Psychiater im 19. Jahrhundert „folie à deux“ nannten: Ein Mensch, der eng und isoliert mit einem Wahnkranken lebt, übernimmt dessen Überzeugungen. Meist löst sich der übernommene Wahn, wenn die beiden getrennt werden. Dieser Befund ist lehrreich, gerade weil er selten ist. Er zeigt, wie sehr unser Wirklichkeitssinn an andere gebunden ist, und wie stark geschlossene Kleingruppen ihn verändern können.

VIII. Wahnbegegnung

Wie aber begegnet man einem Menschen, dessen Welt nicht mehr die eigene ist? Die naheliegenden Antworten sind beide falsch. Wer widerspricht, verliert das Vertrauen und wird in die Verschwörung eingereiht. Wer zustimmt, um Frieden zu haben, gibt die gemeinsame Wirklichkeit preis und lässt den anderen mit seiner Angst allein.

Ein dritter Weg beginnt mit einer einfachen Unterscheidung. Das Erleben ist wirklich: Die Angst wird tatsächlich gefühlt, die Bedrohung tatsächlich erfahren, die Gewissheit tatsächlich gehabt. Die Deutung dieses Erlebens muss deshalb noch nicht zutreffen. „Ich sehe, dass Sie große Angst haben“ ist etwas anderes als „Sie werden tatsächlich verfolgt“. Das erste erkennt den Menschen an, das zweite bestätigt den Wahn. Anerkennung ist nicht Zustimmung.

Ronald D. Laing war einer der Ersten, die diese Begegnung ernst nahmen. In „Das geteilte Selbst“ (1960) versuchte er, die Erfahrungswelt schizophrener Menschen von innen zu verstehen, statt sie nur von außen zu beschreiben. Später, in der Londoner Wohngemeinschaft Kingsley Hall, lebten Therapeuten und Menschen in akuten Psychosen zusammen, ohne die üblichen Rollen und Mauern der Klinik. Laing hat dabei Erhebliches geleistet und zugleich eine Grenze überschritten. Wo er die Psychose als Reise, ja als mögliche Befreiung von einer verrückten Normalität deutete, verklärte er ein Leiden, das für die meisten Betroffenen nichts Befreiendes hat.

Die besten Ansätze der Gegenwart haben Laings Aufmerksamkeit bewahrt und seine Romantik abgelegt. In der Soteria-Bewegung, die Luc Ciompi 1984 nach Bern brachte, werden Menschen in akuten Psychosen in einer ruhigen, wohnlichen Umgebung begleitet, mit möglichst wenig Druck und oft mit weniger Medikamenten. Im finnischen Westlappland entwickelte ein Team um Jaakko Seikkula den „Offenen Dialog“: Bei einer Krise trifft sich ein Behandlungsteam sofort mit dem Betroffenen und seinem Umfeld, und alle Stimmen, auch die verwirrten, werden gehört, ohne dass jemand sie sofort für falsch erklärt. Beides ersetzt die medizinische Behandlung nicht, wo sie nötig ist, besonders dort, wo ein Mensch sich oder andere gefährdet. Aber es zeigt, dass Behandlung mehr sein kann als Korrektur eines Fehlers.

Was diese Ansätze verbindet, hat Jaspers schon als methodischen Grundsatz formuliert: zuerst verstehen, dann erklären. Verstehen heißt nicht billigen. Es heißt, Form, Evidenz und Lebensgeschichte eines Erlebens ernst zu nehmen, bevor man nach seinen Ursachen fragt. Erklären heißt, die biologischen, psychischen und sozialen Bedingungen zu untersuchen. Keines darf das andere ersetzen.

Schluss: Was der Wahn über uns verrät

John Nash ist aus seinem Wahn nicht dadurch herausgekommen, dass ihn jemand widerlegt hätte. In der kurzen Lebensbeschreibung, die er 1994 für das Nobelkomitee verfasste, schildert er etwas anderes. Er habe allmählich begonnen, bestimmte vom Wahn geprägte Denkweisen „intellektuell zurückzuweisen“. Die Stimmen verschwanden nicht einfach. Er lernte, sie als das zu nehmen, was sie waren: nicht als Botschaften, sondern als Ereignisse in seinem eigenen Geist. Der Film hat daraus eine bewegende Schlussszene gemacht, in der Nash seine Gestalten noch immer sieht, ihnen aber nicht mehr folgt.

Darin liegt vielleicht die tiefste Einsicht, die der Wahn für diese Serie bereithält. Er zeigt drei Leistungen, die im gesunden Bewusstsein so geräuschlos geschehen, dass wir sie nie bemerken. Wir unterscheiden zwischen dem, was sich wirklich anfühlt, und dem, was wirklich ist. Wir unterscheiden zwischen dem, was aus uns kommt, und dem, was uns von außen begegnet. Und wir halten unsere Wirklichkeit offen für die Prüfung durch andere. Der Wahn ist kein ganz anderes Bewusstsein. Er ist ein Bewusstsein, in dem diese drei Unterscheidungen brüchig geworden sind.

Daraus folgt keine Gleichsetzung. Dass jede Wahrnehmung eine Deutung ist, macht nicht jede Deutung zum Wahn. Aber es folgt eine Bescheidenheit. Die Gewissheit, mit der wir unsere Welt erleben, ist kein Beweis für ihre Wahrheit, auch dann nicht, wenn sie so stark ist wie die von Nash. Was uns vom Wahn trennt, ist nicht, dass wir keine Gewissheiten hätten, sondern dass wir sie noch befragen können.

Der Wahn ist dabei nur eine von vielen Stellen, an denen das Gefüge des Bewusstseins brechen kann. Andere Störungen betreffen nicht die Überzeugungen, sondern das Ich selbst, sein Zeiterleben, seinen Leib, seine Grenze zu den anderen. Sie zeigen, aus wie vielen stillen Synthesen das besteht, was wir für selbstverständlich halten.