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Vom Erleben zum Ich

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Gedächtnis, Gefühl, das Unbewusste und die seltsame Schleife des Selbst

Der britische Musikwissenschaftler und Dirigent Clive Wearing erkrankte 1985 an einer Gehirnentzündung, die große Teile seines Gedächtnisses zerstörte. Seither kann er keine neuen Erinnerungen mehr bilden, und auch die meisten alten sind verloren. Sein Bewusstsein reicht nur wenige Sekunden weit. Jeder Moment erscheint ihm, als sei er gerade erst erwacht. In seinem Tagebuch findet sich Seite um Seite derselbe Eintrag, jeweils mit Uhrzeit: Jetzt bin ich wirklich wach. Und jeder frühere Eintrag ist durchgestrichen, weil er ihn nicht als seinen eigenen erkennt.

Clive Wearing ist bei Bewusstsein. Er erlebt, er spricht, er erkennt seine Frau und begrüßt sie jedes Mal, als hätte er sie seit Jahren nicht gesehen. Er kann sogar noch Klavier spielen und dirigieren. Aber seinem Erleben fehlt etwas, das wir gewöhnlich für selbstverständlich halten: die Verbindung des Augenblicks mit dem, was war, und mit dem, was kommen wird. Sein Bewusstsein ist reine Gegenwart.

Sein Fall zeigt in erschütternder Deutlichkeit: Bewusstsein allein ergibt noch kein Ich. Dazu braucht es mehr: die Verarbeitung von Information, ein Gedächtnis, das aus Augenblicken eine Geschichte macht, Gefühle, die Bedeutung verleihen, und eine Rückwendung des Ganzen auf sich selbst. Und es braucht die Einsicht, dass vieles davon im Verborgenen geschieht.

I. Kognition und Erkenntnis: Verfahren und Ergebnis

Wer über Bewusstsein spricht, spricht oft stillschweigend über Denken. Doch Denken, allgemeiner Kognition, ist nicht dasselbe wie Erleben. Kognition bezeichnet das Verfahren, mit dem ein System Informationen verarbeitet: Es unterscheidet, vergleicht, ordnet, erinnert, lernt, zieht Schlüsse und steuert damit sein Verhalten. Erkenntnis ist etwas anderes. Sie ist nicht jedes Ergebnis dieser Verarbeitung, sondern eine besondere Form davon: eine gewonnene, strukturierte und für das System verfügbare Einsicht über etwas.

Kognition kann ohne Erkenntnis stattfinden. Ein Hund lernt, dass ein bestimmtes Geräusch die Heimkehr seines Menschen ankündigt. Das ist unzweifelhaft eine kognitive Leistung. Ob man es Erkenntnis nennen will, hängt davon ab, wie weit man den Begriff fasst. Und Patienten mit sogenannter Blindsicht, die nach einer Schädigung der Sehrinde nichts zu sehen glauben, aber dennoch treffsicher auf Lichtpunkte zeigen, belegen sogar, dass Kognition ohne Erleben möglich ist.

Umgekehrt ist Erleben ohne ausgeprägte Kognition denkbar. Ein Schmerz muss nicht begrifflich eingeordnet werden, um wehzutun. Aber die Kognition bestimmt, wie dieser Schmerz erlebt wird. Ein Mensch kann ihn lokalisieren, benennen, mit früheren Schmerzen vergleichen, nach seiner Ursache fragen, seinen Verlauf befürchten und sich um die Zukunft sorgen. Das macht den Schmerz nicht notwendig bewusster. Es macht ihn reicher gegliedert.

Kognition bestimmt demnach nicht, ob ein Wesen bewusst ist. Sie bestimmt in hohem Maß, wie sein Bewusstsein organisiert ist und was darin zugänglich wird. Neben die Fülle des Erlebens und das Wissen um dieses Erleben tritt damit eine dritte Dimension: die Differenziertheit, mit der Erleben verarbeitet werden kann.

II. Gedächtnis: die Zeitachse

Clive Wearings Tagebuch zeigt, was geschieht, wenn eine Dimension fehlt, die man leicht übersieht, weil sie alle anderen trägt. Ohne Gedächtnis wäre Bewusstsein nicht ausgelöscht, aber es hätte keine Welt. Es gäbe kein „Das kenne ich“, kein „Das war vorher anders“, kein „Das wird wiederkommen“.

Damit fiele auch der Vergleich weg, und Vergleich ist die elementarste Voraussetzung von Kognition. Man kann die Abfolge als Funktionsmodell beschreiben, nicht als neurobiologischen Ablauf:

Erleben – Gedächtnis – Vergleich – Muster – Begriff – Erkenntnis.

Ein Begriff wie „Hund“ entsteht nicht aus einer einzelnen Wahrnehmung. Ich sehe diesen Hund, dann jenen, dann einen dritten, der ganz anders aussieht. Das Gedächtnis hält Gemeinsamkeiten und Unterschiede verfügbar, und aus vielen Einzelerfahrungen verdichtet sich eine Abstraktion. Ein Begriff ist in diesem Sinn eine komprimierte Geschichte vergangener Wahrnehmungen. Noch deutlicher wird das bei abstrakten Begriffen. Niemand erlebt „Fremdheit“ oder „Ordnung“ als Sinnesreiz. Solche Begriffe sind Sedimente unzähliger erinnerter Erfahrungen und sprachlicher Verdichtungen. Das Gedächtnis ist der Rohstoff der Begrifflichkeit.

Es liefert dabei nicht nur Inhalte, sondern Unterscheidungen und Bewertungen: vertraut und fremd, gefährlich und harmlos, recht und unrecht. Und nicht alles davon ist ausdrücklich gewusst. Neben dem expliziten Wissen, das sich in Begriffe und Regeln fassen lässt, hält das Gedächtnis implizites Wissen bereit: Routinen, Körperwissen, eingeschliffene Muster, die affektiven Spuren früherer Erfahrungen. Beides entscheidet mit darüber, als was uns eine Situation erscheint, lange bevor wir darüber nachdenken.

Schon John Locke hatte im 17. Jahrhundert die Identität der Person an die Erinnerung gebunden. Die moderne Gedächtnisforschung hat diesen Gedanken präzisiert. Endel Tulving unterschied in den 1970er Jahren zwischen dem semantischen Gedächtnis, dem Wissen, dass Paris die Hauptstadt Frankreichs ist, und dem episodischen Gedächtnis, der Erinnerung daran, wie ich selbst einmal in Paris war. Das episodische Gedächtnis ist mit einer besonderen Form des Bewusstseins verbunden, die Tulving „autonoetisch“ nannte, selbstwissend. Wer sich episodisch erinnert, weiß nicht nur etwas, er erlebt sich als denjenigen, der damals dort war. Tulving sprach von einer „mentalen Zeitreise“.

Die spätere Forschung hat gezeigt, dass diese Zeitreise in beide Richtungen führt. Dieselben Hirnsysteme, die Vergangenes rekonstruieren, werden aktiv, wenn wir uns Zukünftiges vorstellen. Das Gedächtnis ist also nicht nur ein Archiv, sondern auch ein Baukasten für Erwartungen. Aus dem, was war, entwerfen wir, was sein könnte. Bewusstsein ohne Gedächtnis ist Gegenwart. Mit dem Gedächtnis bekommt es Vergangenheit. Mit der Antizipation auf der Grundlage des Gedächtnisses bekommt es Zukunft.

Ein Archiv im Sinne eines unveränderlichen Speichers ist das Gedächtnis auch deshalb nicht, weil es jede Erinnerung beim Abruf neu zusammensetzt. Sigmund Freud hat dafür früh einen Begriff gefunden: Nachträglichkeit. Ein Erlebnis kann seine Bedeutung erst später gewinnen, wenn eine neue Erfahrung oder eine neue Lebenslage es in ein anderes Licht rückt. Die Erinnerung wird dann gleichsam umgeschrieben. Freud hat für dieses Doppelte des Gedächtnisses, immer aufnahmefähig zu bleiben und doch Spuren zu bewahren, 1925 ein schönes Bild gefunden: den „Wunderblock“, eine Schreibtafel, deren Oberfläche sich immer wieder löschen lässt, während sich in der Wachsschicht darunter die Spuren alles Geschriebenen erhalten.

Die neuere Wahrnehmungsforschung beschreibt schon die Gegenwart als Konstruktion des Gehirns, als fortlaufende Vorhersage, die von den Sinnen korrigiert wird. Für die eigene Vergangenheit gilt dasselbe. Das Ich, das sich über seine Erinnerung als dasselbe erlebt, erzählt sich diese Kontinuität fortlaufend neu.

Und (nicht nur) aus Zeugenbefragungen kennen wir das „konstruktive Gedächtnis“, das Erinnerungen beim Abrufen aus gespeicherten Teilstücken und Wissensbeständen neu zusammensetzt, anstatt sie wie eine Festplatte eins zu eins abzuspielen.

III. Gefühl: die Ordnungskraft des Denkens

Bis hierhin wirkt das Modell merkwürdig kühl. Informationen werden verarbeitet, verglichen, gespeichert und zu Begriffen verdichtet. Aber ein Mensch erinnert nicht neutral, er erwartet nicht neutral, und er denkt nicht neutral. Was dem Modell noch fehlt, ist das, was den Prozessen Richtung und Gewicht gibt.

Der Schweizer Psychiater Luc Ciompi hat dafür den Begriff der Affektlogik geprägt. Seine These geht weit über die Alltagsbeobachtung hinaus, dass Gefühle das Denken beeinflussen. Ciompi behauptet, dass Fühlen und Denken überhaupt nicht getrennt vorkommen. Sie bilden gekoppelte Programme, und die Affekte wirken dabei wie Operatoren. Sie entscheiden mit darüber, was Aufmerksamkeit bekommt, was ausgefiltert wird, welche Informationen miteinander verknüpft und welche Erinnerungen abgerufen werden.

Man kann das an einfachen Beispielen beobachten. Angst verändert nicht nur die Stimmung. Sie verändert die Wahrnehmung der Situation: Was eben noch nebensächlich war, erscheint plötzlich bedrohlich, und die Welt verengt sich auf mögliche Gefahren. Neugier öffnet den Suchraum und macht andere Aspekte relevant. Ärger bündelt die Aufmerksamkeit auf Hindernisse und Grenzverletzungen. Freude weitet Wahrnehmung und Handlungsmöglichkeiten. Kurz gesagt: Angst lässt anders beobachten, Ärger anders unterscheiden, Neugier anders suchen, Vertrauen anders deuten. Der emotionale Zustand verändert den Möglichkeitsraum des Denkens.

Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio ist auf anderem Weg zu einem verwandten Befund gelangt. In „Descartes’ Irrtum“ (1994) beschreibt er Patienten, die nach einer Schädigung bestimmter Stirnhirnregionen intellektuell unversehrt blieben, alle Tests bestanden und Optionen scharfsinnig analysieren konnten, aber im Leben keine vernünftigen Entscheidungen mehr trafen. Ihnen fehlte die emotionale Tönung, die Damasio „somatische Marker“ nennt: körperlich verankerte Signale, die Möglichkeiten als verlockend oder bedrohlich markieren, bevor das Nachdenken beginnt. Ohne sie wurde jede Entscheidung, selbst die über einen Termin, zu einem endlosen Abwägen. Der Irrtum Descartes’ bestand für Damasio darin, das Denken vom Körper und vom Gefühl zu trennen.

Damasio hat daraus auch eine Theorie des Selbst entwickelt, die sich wie eine Stufenfolge der bisherigen Überlegungen liest. Ein Proto-Selbst bildet den Zustand des Körpers ab. Ein Kernselbst entsteht, wenn dieser Zustand durch ein Objekt verändert wird und der Organismus gleichsam bemerkt: Hier geschieht etwas mit mir, jetzt. Ein autobiografisches Selbst entsteht erst, wenn das Gedächtnis diese Augenblicke zu einer Lebensgeschichte verbindet. Clive Wearing hätte demnach ein Kernselbst, aber kein autobiografisches Selbst mehr.

IV. Was sich entzieht: Freud und das Unbewusste

Mit Gedächtnis und Gefühl ist die Liste der Mitspieler nicht vollständig. Denn ein großer Teil dessen, was unser Erleben formt, erscheint gar nicht im Erleben. Die Neurowissenschaft spricht heute von einem „kognitiven Unbewussten“: Wahrnehmung, Sprachverarbeitung, Bewegungssteuerung und die meisten schnellen Urteile, die Daniel Kahneman „System 1“ genannt hat, laufen ab, ohne dass wir ihrer gewahr werden. Das ist aber nur die harmlose Hälfte des Befundes. Die andere Hälfte hat Sigmund Freud beschrieben.

Freuds Unbewusstes ist nicht einfach das noch nicht Bewusste. Es ist ein dynamisches Unbewusstes: Wünsche, Ängste und Erinnerungen, die aktiv vom Bewusstsein ferngehalten werden, weil sie unerträglich, beschämend oder bedrohlich wären, und die dennoch wirken. Sie zeigen sich in Träumen, Fehlleistungen, Symptomen, in der eigentümlichen Hartnäckigkeit, mit der wir bestimmte Situationen immer wieder herbeiführen.

Freud hat die Tragweite seiner Entdeckung selbst in eine berühmte Formel gefasst. Die Menschheit habe drei große Kränkungen ihrer Eigenliebe erfahren. Kopernikus habe gezeigt, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums steht, Darwin, dass der Mensch nicht außerhalb der Natur steht, und die Psychoanalyse zeige nun, „daß das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus“.

In seinem späten Modell der Psyche (1923) erscheint das Ich als vermittelnde Instanz zwischen drei Mächten: den Triebansprüchen des Es, den verinnerlichten Geboten des Über-Ich und den Anforderungen der Außenwelt. Freud vergleicht es mit einem Reiter, der sein Pferd lenken soll, aber oft gezwungen ist, es dorthin zu führen, wo es selbst hingehen will. Um diese Lage auszuhalten, verfügt das Ich über Abwehrmechanismen: Es verdrängt, projiziert, verschiebt. Und es rationalisiert: Es liefert nachträglich vernünftig klingende Gründe für Handlungen, deren eigentliche Motive es nicht kennt.

Hier treffen sich die Psychoanalyse und die Neuropsychologie auf bemerkenswerte Weise. Michael Gazzaniga hat bei Patienten mit chirurgisch getrennten Hirnhälften einen „Interpreten“ beobachtet, der unablässig plausible Geschichten über das eigene Tun erzählt, auch wenn er dessen Ursachen gar nicht kennen kann. Er ist ein naher Verwandter der Rationalisierung. Man muss Freuds Theorie nicht in allen Einzelheiten teilen, um diesen Kern festzuhalten: Das Ich ist nicht die Quelle seiner Motive, sondern oft deren Erzähler.

V. Die seltsame Schleife

Gedächtnis, Gefühl und Unbewusstes erklären, woraus das Ich schöpft. Sie erklären noch nicht, wie es entsteht. Ein Thermostat hat auch Zustände, reagiert auf frühere Zustände und steuert sich selbst. Niemand würde ihm ein Ich zuschreiben. Was fehlt?

Douglas Hofstadter hat auf diese Frage in „Gödel, Escher, Bach“ (1979) und später in „Ich bin eine seltsame Schleife“ (2007) eine eigenwillige Antwort gegeben. Sein Thema ist die Selbstbezüglichkeit. Kurt Gödel zeigte, dass formale Systeme Aussagen über sich selbst formulieren können, M. C. Escher zeichnete zwei Hände, die sich gegenseitig zeichnen, und Johann Sebastian Bach komponierte Kanons, deren Themen sich verwandeln und doch auf sich selbst zurückführen. In allen drei Fällen gelangt ein System über verschiedene Ebenen hinweg wieder zu sich selbst zurück. Hofstadter nennt diese Figur eine seltsame Schleife.

Das Ich ist für Hofstadter eine solche Schleife. Es entsteht, wenn ein System nicht nur Informationen über die Welt verarbeitet, sondern auch über seine eigenen Zustände, und wenn diese Verarbeitung ihrerseits wieder zu seinem Gegenstand wird. Ich erlebe etwas, ich erinnere mich daran, ich erkenne, dass ich mich erinnere, diese Erkenntnis verändert meinen gegenwärtigen Zustand, und dieser Zustand wird wiederum erinnerbar. Aus diesem Kreisen entsteht eine stabile Struktur, ein Muster, das sich selbst trägt. Das Ich ist nach dieser Auffassung kein Ding und kein Ort im Gehirn. Es ist ein Muster der Selbstbezüglichkeit.

Hier berühren sich Hofstadter und der Philosoph Thomas Metzinger. Metzinger beschreibt das Ich als Selbstmodell, das wir nicht als Modell erkennen. Hofstadter beschreibt, wie ein solches Modell überhaupt entstehen kann: durch die Rückwendung des Systems auf sich selbst. Beide kommen zum selben Ergebnis. Das Ich ist nicht der Ursprung des Bewusstseins, sondern ein Produkt bestimmter Prozesse, die in einem bewussten System ablaufen.

VI. Das Ich – eine Arbeitsdefinition

Fasst man die bisherigen Überlegungen zusammen, lässt sich eine nüchterne Arbeitsdefinition formulieren, die ohne Seele, Substanz oder metaphysisches Subjekt auskommt:

Das Ich ist ein System, das seine gegenwärtigen Zustände mit vergangenen Erfahrungen verknüpft, zukünftige Zustände antizipiert, ihnen emotionale Bedeutung gibt, daraus ein Modell seiner selbst und seiner Situation bildet und sich auf dieses Modell zurückbeziehen kann.

Jedes Element dieser Definition steht für einen der Mitspieler dieses Artikels. Die Verknüpfung mit der Vergangenheit leistet das Gedächtnis, die Antizipation der Zukunft ebenfalls, als Kehrseite der Erinnerung. Die emotionale Bedeutung verdankt sich den Affekten, die das Denken ordnen. Das Modell ist das Werk der Kognition. Und der Rückbezug ist die seltsame Schleife.

Die Definition macht zugleich deutlich, was sie nicht behauptet. Bewusstsein, Ich und Metabewusstsein fallen nicht zusammen. Ein System kann bewusst erleben, ohne ein ausgeprägtes Ich-Modell zu besitzen, wie meditative Zustände des reinen Gewahrseins und vermutlich viele Tiere zeigen. Ein System kann ein funktionales Selbstmodell verwenden, ohne dass damit phänomenales Erleben erklärt wäre. Und Metabewusstsein ist die zusätzliche Fähigkeit, die eigenen Vorgänge ausdrücklich zum Gegenstand zu machen. Diese Unterscheidungen machen die Definition bescheidener, als eine Definition des Ich zu sein pflegt. Sie beschreibt, wie ein Ich funktioniert. Sie erklärt nicht, warum es sich anfühlt, eines zu sein.

VII. Die Grenze der Durchsichtigkeit

Aus der Struktur der Schleife folgt eine Konsequenz, die man leicht überliest. Ein System, das sich selbst beobachtet, beobachtet sich immer von innen, mit den Mitteln, die es selbst ist. Es kann sich nicht von außen sehen. Man kann an dieser Stelle an Gödel denken, der gezeigt hat, dass hinreichend reiche formale Systeme Wahrheiten enthalten, die sie mit ihren eigenen Mitteln nicht beweisen können. Das ist kein Beweis für die Psychologie des Ich. Es ist aber eine treffende Analogie: Selbstbezüglichkeit erzeugt Selbstwissen und zugleich dessen Grenze.

Diese Grenze wird von allen Seiten unserer bisherigen Überlegungen bestätigt. Das Gedächtnis schreibt die eigene Geschichte fortlaufend um. Die Gefühle ordnen das Denken, bevor das Denken sie ordnen kann. Das Unbewusste wirkt, ohne zu erscheinen. Und das Selbstmodell verbirgt seine eigene Konstruiertheit.

Der Theologe und Philosoph Paul Tillich hat daraus eine existenzielle Einsicht gewonnen. Für ihn ist das Selbst nie für sich allein gegeben, sondern immer in Beziehung zu einer Welt, die es nicht geschaffen hat und nicht vollständig überblickt. Selbst und Welt bilden eine unauflösliche Polarität. Das Selbst kann sich nicht vollständig durchschauen, weil es nie vollständig aus dieser Beziehung heraustreten kann.

Das Ich ist also weder bloße Illusion noch souveräne Instanz. Es ist eine wirksame Form der Selbstorganisation, deren Entstehung ihm selbst nur begrenzt zugänglich ist.

Schluss: Vom Ich zum Handeln

Dieser Artikel hat das Ich als Ergebnis eines Zusammenspiels beschrieben. Bewusstsein liefert das Erleben, Kognition verarbeitet es, das Gedächtnis gibt ihm eine Zeitachse, Gefühle geben ihm Gewicht und Richtung, das Unbewusste wirkt darunter, und die seltsame Schleife der Selbstbezüglichkeit macht daraus ein Ich, das sich selbst nie vollständig sieht.

Offen geblieben ist, wie dieses Ich mit sich umgeht. Denn es erlebt nicht nur, es kann sich beim Erleben zusehen, und es handelt. Es bildet Modelle seiner Situation, trifft Entscheidungen und muss mit deren Folgen leben. Und dabei stößt es immer wieder auf die Grenze, die hier beschrieben wurde. Wie kann ein Ich sich selbst führen, wenn es sich selbst nicht vollständig durchschaut? Vielleicht beginnt jede Antwort mit dem Eingeständnis, dass es das nie ganz können wird.Gedächtnis, Gefühl, das Unbewusste und die seltsame Schleife des Selbst