Vom Bewusstsein zur Bewusstheit
In deutschen Gerichtssälen fällt gelegentlich ein Satz, der mehr Philosophie enthält, als man ihm ansieht: Dem Angeklagten habe das Unrechtsbewusstsein gefehlt. Das Strafgesetzbuch kennt dafür eine eigene Vorschrift. Wem bei der Tat die Einsicht fehlt, Unrecht zu tun, der handelt nach § 17 ohne Schuld, sofern er diesen Irrtum nicht vermeiden konnte. Geregelt wird damit ein merkwürdiger Fall. Jemand ist vollkommen wach, weiß genau, was er tut, und bemerkt dennoch etwas nicht: dass sein Tun unter eine Unterscheidung fällt, die er selbst nicht angelegt hat.
Im Alltag reicht das Wort weiter. Wenn wir von einem Menschen sagen, er habe „kein Unrechtsbewusstsein“, meinen wir selten, er kenne die Regeln nicht. Oft kennt er sie sehr gut. Gemeint ist etwas anderes: Die Verletzung, die für andere offen zutage liegt, erscheint ihm gar nicht als Verletzung. Er sieht denselben Vorgang und sieht doch etwas anderes.
Mit den Bedeutungen, die die Bewusstseinsforschung gewöhnlich unterscheidet, ist dieser Befund nicht zu fassen. Der Mensch ist wach. Er erlebt, was er tut. Er kann sogar darüber Auskunft geben. Was ihm fehlt, ist weder Wachheit noch Erleben noch Selbstbezug. Es ist eine Haltung, eine Weise, in der Wirklichkeit für ihn bedeutsam wird. Die folgenden Überlegungen gehen dieser vernachlässigten Seite des Bewusstseins nach und fragen, wie aus Bewusstsein Bewusstheit wird.
I. Der große Hof des Wortes
Die Philosophie hat das Bewusstsein meist als Zustand behandelt: Jemand ist wach, erlebt etwas, bezieht es auf sich. Die Umgangssprache kennt ein weiteres Feld. Wir sprechen von Verantwortungsbewusstsein, Pflichtbewusstsein, Geschichtsbewusstsein, Umweltbewusstsein, Problembewusstsein, Qualitätsbewusstsein. Das Wort hat hier einen großen Hof, und in diesem Hof bedeutet es etwas anderes.
Ein Mensch mit ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein denkt nicht ständig über Verantwortung nach. Die Verantwortung ist vielmehr in seine Art des Wahrnehmens eingebaut. Ihm fallen Folgen auf, die ein anderer übersieht. Wer Qualitätsbewusstsein hat, bemerkt den Fehler, an dem andere vorbeigehen. Wer Geschichtsbewusstsein hat, sieht in einem Straßennamen oder einem Gedenkstein eine Vergangenheit, wo andere nur ein Schild sehen.
Man kann deshalb zwischen aktuellem und dispositionalem Bewusstsein unterscheiden. Aktuell ist es, wenn ich mir jetzt eines Fehlers bewusst werde. Dispositional ist es, wenn eine Empfindlichkeit dauerhaft bereitliegt und mein Wahrnehmen und Handeln mitprägt, auch wenn ich gerade nicht daran denke. Im ersten Fall ist Bewusstsein ein Ereignis. Im zweiten ist es eine Haltung.
Der Sozialphilosoph Axel Honneth hat an genau diesem Punkt angesetzt. In einer frühen Arbeit von 1981 beschreibt er das Unrechtsbewusstsein benachteiligter Gruppen als „hochempfindliches Sensorium für Verletzungen von als gerechtfertigt unterstellten Moralitätsansprüchen“. Ein solches Bewusstsein muss sich nicht in einer ausgearbeiteten Moraltheorie aussprechen. Es zeigt sich negativ, im Gespür dafür, dass hier etwas geschieht, das nicht geschehen sollte. Die Moral ist darin aufbewahrt, ohne ausformuliert zu sein.
Damit lässt sich eine These formulieren, die diesen Artikel trägt: Eine Haltung verändert den Wahrnehmungsraum des Bewusstseins. Sie entscheidet mit darüber, was einem Menschen überhaupt auffällt, was für ihn Gewicht hat und was in ihm einen Impuls zur Korrektur auslöst. Bewusstsein ist in diesem Sinn nicht nur ein inneres Geschehen. Es ist eine Weise, in der die Welt für jemanden bedeutsam wird.
II. Gewissen und Gedächtnis
Dass Bewusstsein und Gewissen zusammengehören, ist keine nachträgliche Konstruktion. Es steckt in der Geschichte des Wortes. Das deutsche „Bewusstsein“ ist jung. Geprägt hat es der Aufklärungsphilosoph Christian Wolff um 1720, als Lehnübersetzung des lateinischen conscientia. Dieses Wort aber bedeutete lange vor allem Gewissen, wörtlich ein Mitwissen. Erst seit Descartes wurde es allgemeiner für das Wissen des Geistes um sich selbst gebraucht. Im Französischen ist die Nähe bis heute hörbar: conscience bezeichnet beides.
In beiden Wörtern steckt das Wissen. Aber sie greifen auf Wissen ganz unterschiedlich zurück. Wenn ich mir bewusst bin, dass ich Schmerzen habe, brauche ich kein vorgängiges Wissen über Schmerzen. Das Bewusstsein macht etwas gegenwärtig, das ohnehin da ist. Man könnte von Gegenwärtigkeitsbewusstsein sprechen. Es ist zunächst darstellend, es präsentiert.
Das Unrechtsbewusstsein dagegen arbeitet mit Voraussetzungen. Damit mir eine Handlung als Unrecht erscheint, muss ich bereits über eine Ordnung verfügen: über Vorstellungen von recht und unrecht, erlaubt und verboten, fair und unfair, erworben durch Erziehung, Erfahrung, Sprache und den Umgang mit anderen. Diese Ordnung liegt im Gedächtnis bereit. Man ist versucht, von einer Datenbank zu sprechen, aus der das Bewusstsein versorgt wird. Das Bild trägt aber nur ein Stück weit. Das Gedächtnis ist kein Speicher unveränderlicher Datensätze. Es ist ein organisierter Vorrat an Erfahrungen, Bedeutungen und Bewertungen, der bei jedem Abruf neu zusammengesetzt wird.
Vor allem aber genügt Wissen allein nicht. Jemand kann sehr genau wissen, dass etwas Unrecht ist, und in der konkreten Lage trotzdem kein Unrechtsbewusstsein entwickeln. Das Wissen ist vorhanden, aber es wird nicht wirksam. Gewissen entsteht erst dort, wo gespeicherte normative Erfahrung mit einer gegenwärtigen Situation zusammentrifft: Ich erkenne, dass mein Tun jetzt dem widerspricht, was ich weiß. Daraus kann, muss aber nicht, ein Gewissenskonflikt werden, und aus ihm eine Korrektur.
Man kann daraus einen Satz gewinnen, der den großen Hof des Wortes erklärt: Bewusstsein ist nicht die Summe dessen, was wir wissen. Es ist die gegenwärtige Aktualisierung dessen, was für uns gerade bedeutsam wird.
Die verschiedenen Formen lassen sich danach ordnen, woraus sie schöpfen und welche Frage sie beantworten:
| Form | Quelle | Frage |
| Gegenwärtigkeitsbewusstsein | aktuelle Erfahrung | Was geschieht jetzt? |
| Selbstbewusstsein | Selbstbeobachtung und Erinnerung | Was geschieht mit mir? |
| Problembewusstsein | Wahrnehmung und Erwartung | Was stimmt hier nicht? |
| Unrechtsbewusstsein | normative Erfahrung und Gegenwart | Was daran ist nicht recht? |
| Verantwortungsbewusstsein | Normen und Vorwegnahme von Folgen | Was bedeutet mein Tun? |
| Geschichtsbewusstsein | Erinnerung und Gegenwartsdeutung | Woher kommt, was jetzt ist? |
„Bewusstsein“ bezeichnet so nicht einen einzigen psychischen Vorgang, sondern eine Familie von Formen, in denen Gegenwart mit Wissen, Erfahrung, Wertung und möglichem Handeln verbunden wird.
III. Bewusstsein als Aktualisierung einer Unterscheidung
Was genau wird aktualisiert, wenn eine Haltung wirksam wird? Eine besonders präzise Antwort gibt eine Denkrichtung, die mit dem englischen Mathematiker George Spencer-Brown beginnt. Am Anfang seiner „Laws of Form“ (1969) steht eine einzige Aufforderung: Triff eine Unterscheidung. Jede Form, so Spencer-Brown, entsteht dadurch, dass etwas von etwas anderem unterschieden und eine Seite dieser Unterscheidung bezeichnet wird. Die andere Seite bleibt unmarkiert, aber sie ist mitgegeben.
Der Soziologe Niklas Luhmann hat daraus seinen Begriff des Beobachtens gemacht. Beobachten heißt: unterscheiden und bezeichnen. Wer von Ordnung spricht, grenzt sie von Unordnung ab, wer von Recht spricht, von Unrecht. Eine Situation trägt kein Etikett „Unrecht“. Sie wird zum Unrecht, wenn sie unter der Unterscheidung recht/unrecht beobachtet und die eine Seite bezeichnet wird. Dieselbe Situation lässt sich auch anders beobachten: als nützlich oder schädlich, als loyal oder illoyal, als erlaubt oder verboten. Die Situation ändert sich nicht. Die Beobachtung ändert sich.
Daraus folgt eine Verschiebung, die für das Verständnis von Haltung entscheidend ist. Wissen liefert nicht in erster Linie Inhalte, sondern Möglichkeiten des Unterscheidens. Das Gedächtnis hält ein Repertoire bereit, und in einer konkreten Lage wird eine dieser Unterscheidungen aktualisiert. Ein Unrechtsbewusstsein im dispositionalen Sinn wäre dann die dauerhaft verfügbare Bereitschaft, bestimmte Situationen unter der Unterscheidung recht/unrecht zu sehen. Bewusstsein ist nicht nur das Auftauchen eines Inhalts. Es ist auch die Aktualisierung einer Unterscheidung.
Der chilenische Biologe Humberto Maturana ist auf ganz anderem Weg zu einer verwandten Figur gelangt. Für ihn bringt der Beobachter durch seine Unterscheidungen die Einheiten hervor, mit denen er es zu tun hat. Das heißt nicht, dass er sich die Welt beliebig ausdenkt. Ein lebendes System ist nach Maturana in sich geschlossen und doch in eine lange Geschichte von Wechselwirkungen mit seiner Umwelt eingebunden, die ihm Grenzen setzt. Luhmann beschreibt die Logik der Beobachtung, Maturana ihre Verankerung im Lebendigen.
Beide führen auf dieselbe Grenze. Wer mit einer Unterscheidung beobachtet, kann diese Unterscheidung im selben Moment nicht beobachten. Er sieht mit ihr, nicht auf sie. Luhmann nennt das den blinden Fleck. Erst eine zweite Beobachtung kann fragen, welche Unterscheidung die erste benutzt hat, und auch diese zweite hat wieder ihren eigenen blinden Fleck. Hinzu kommt: Jede Unterscheidung hat zwei Seiten, und was beide zusammenhält, ist die Unterscheidung selbst. Wer nur Recht und Unrecht sieht, sieht nicht, dass er gerade mit dieser Unterscheidung sieht und nicht mit einer anderen.
IV. Instinkt, Intuition und Bewusstsein
Bisher erschien Bewusstsein vor allem als das, was wahrnimmt, prüft und korrigiert. Friedrich Nietzsche hat dieses Bild auf den Kopf gestellt. In der „Geburt der Tragödie“ (1872) beschreibt er Sokrates, der sich in Momenten des Schwankens auf eine innere göttliche Stimme verließ, die ihn immer nur abmahnte. Daran knüpft Nietzsche eine Beobachtung von großer Tragweite: „Während doch bei allen productiven Menschen der Instinct gerade die schöpferisch-affirmative Kraft ist, und das Bewusstsein kritisch und abmahnend sich gebärdet: wird bei Sokrates der Instinct zum Kritiker, das Bewusstsein zum Schöpfer.“
Man muss Nietzsches Polemik gegen Sokrates nicht teilen, um die Einsicht darin festzuhalten. Bewusstsein kann zweierlei sein. Als Korrektiv prüft es eine bestehende Ordnung des Tuns und mahnt ab, wo sie fehlgeht. Als Konstrukteur erzeugt es neue Begriffe, neue Unterscheidungen, neue Ordnungen. Eine neue Unterscheidung erkennt nicht nur, was schon da ist. Sie eröffnet eine Welt des Unterscheidbaren, die es vorher nicht gab.
Der Instinkt wiederum ist bei Nietzsche nicht einfach das Unbewusste im heutigen Sinn. Er ist eine leibliche, wertende Orientierung des Lebens, die nicht weiß, warum sie so urteilt, aber oft genau weiß, was zu tun ist. Hier zeigt sich eine auffällige Nähe zur Neurowissenschaft. Antonio Damasio hat beschrieben, wie frühere Erfahrungen körperlich-affektive Spuren hinterlassen, die er somatische Marker nennt. Sie kennzeichnen Handlungsmöglichkeiten als verlockend oder bedrohlich, bevor das Nachdenken beginnt. Patienten, denen diese Marker fehlen, können glänzend analysieren und treffen doch im Leben keine vernünftigen Entscheidungen mehr.
Gleichsetzen darf man beides nicht. Damasios Marker sind erfahrungsabhängig, sie entstehen aus der Verbindung von Situationen, Folgen und Körperzuständen. Nietzsches Instinkt meint etwas Umfassenderes, eine Kraft des Lebens selbst. Aber der somatische Marker könnte eine der Weisen sein, in denen sich das körperlich verwirklicht, was wir Instinkt oder Bauchgefühl nennen.
Für die Frage nach den Unterscheidungen hat das eine wichtige Folge. Das Repertoire, aus dem heraus eine Situation beobachtet wird, besteht nicht nur aus ausdrücklichem Wissen, aus Begriffen, Regeln und Normen. Es besteht ebenso aus implizitem Wissen: aus Routinen, Körperwissen, Mustererkennung, Affekten. Ich erlebe eine Lage als gefährlich, bevor ich „Gefahr“ sage. Ich finde jemanden unsympathisch, bevor ich meine Gründe kenne. Der Körper hat gewissermaßen schon vorentschieden, welche Unterschiede wichtig werden. Das Bewusstsein beginnt nicht bei null.
Nüchterner als Nietzsche und alltagsnäher als Damasio hat der Psychologe Gerd Gigerenzer diese Vorentscheidung untersucht. In seinem Buch „Bauchentscheidungen“ (2007) beschreibt er die Intuition nicht als Gegenteil der Intelligenz, sondern als eine ihrer Formen, als gefühltes Wissen. Ein Bauchgefühl ist für ihn ein Urteil, das rasch im Bewusstsein auftaucht, dessen tiefere Gründe uns nicht bewusst sind und das dennoch stark genug ist, um danach zu handeln. Mystisch ist daran nichts. Das Urteil speist sich aus Erfahrung, aus einem großen Vorrat an Situationen, die das Gehirn gesammelt hat, ohne dass wir darüber Buch geführt hätten.
Wie arbeitet dieses Wissen? Gigerenzer spricht von Heuristiken, einfachen Faustregeln. Ihre Kunst besteht darin, das meiste wegzulassen. Die schlichteste ist die Rekognitionsheuristik: Wer zwischen zwei Möglichkeiten wählen muss und nur eine davon wiedererkennt, nimmt diese. Das klingt naiv und ist doch erstaunlich erfolgreich. Deutsche Studenten, die gefragt wurden, ob San Diego oder San Antonio mehr Einwohner habe, lagen häufiger richtig als amerikanische, gerade weil sie von San Antonio kaum gehört hatten. Weniger Wissen führte zum besseren Urteil. Gigerenzer hat daraus ein Prinzip gemacht, das der klassischen Entscheidungslehre widerspricht: Mehr Information ist nicht immer besser. Wer alles berücksichtigen will, verliert sich im Rauschen.
Wann aber darf man dem Bauch trauen? Hier zieht Gigerenzer eine Unterscheidung, die für unsere Frage entscheidend ist. In einer Welt des Risikos sind alle Möglichkeiten und ihre Wahrscheinlichkeiten bekannt, wie beim Roulette. Dort ist das Rechnen überlegen. In einer Welt der Ungewissheit sind die Möglichkeiten offen und die Daten lückenhaft, etwa bei der Wahl eines Partners, einer Investition oder einer Führungsentscheidung. Dort scheitern aufwendige Modelle oft, weil sie Genauigkeit vortäuschen, wo keine zu haben ist. Die einfache Regel, getragen von Erfahrung, schlägt sie. Gigerenzer nennt das ökologische Rationalität. Eine Entscheidungsweise ist nicht an sich klug oder dumm. Sie passt zu einer Umwelt oder sie passt nicht. Anders als Daniel Kahneman, der in den Faustregeln vor allem Quellen systematischer Denkfehler sah, verteidigt Gigerenzer den Bauch, aber nicht blind. Kopf und Bauch sind für ihn keine Gegner, sondern Werkzeuge, zwischen denen man klug wählen muss.
Der Instinkt sagt: Das kenne ich. Das Bewusstsein kann fragen: Ist es diesmal wirklich dasselbe? Und ist dies eine Lage, in der mein Wiedererkennen etwas taugt? In dieser Frage liegt der Übergang zur Bewusstheit.
V. Bewusstsein und Bewusstheit
Die deutsche Sprache hält zwei Wörter bereit, die meist gleichbedeutend gebraucht werden. Man kann sie trennen, und die Trennung lohnt sich.
Bewusstsein wäre dann der Prozess, in dem etwas für ein System gegenwärtig wird: eine Wahrnehmung, ein Gefühl, eine Erinnerung, eine Unterscheidung. Bewusstheit wäre die Beziehung, die ein Mensch zu diesem Gegenwärtigwerden einnimmt.
Ich habe Angst: Das ist Bewusstsein. Ich bemerke, dass ich Angst habe und dass meine Angst die Lage anders aussehen lässt: Das ist Bewusstheit. Ich habe ein Bild von einem Menschen: Bewusstsein. Ich erkenne, dass dieses Bild meine Konstruktion ist und aus bestimmten Erfahrungen stammt: Bewusstheit.
Das klingt zunächst nach dem, was die Philosophie Metabewusstsein nennt, dem Wissen darum, dass man etwas erlebt. Der Unterschied ist aber wichtig. Metabewusstsein ist eine Fähigkeit, eine strukturelle Möglichkeit: Ein System kann seine eigenen Zustände zum Gegenstand machen. Ob ein Tier, ein Säugling oder eine Maschine darüber verfügt, ist eine Frage der Erkenntnis. Bewusstheit dagegen ist das, was ein Mensch aus dieser Möglichkeit macht. Sie ist eine Haltung, die geübt, gepflegt und auch wieder verloren werden kann. Sie richtet sich nicht nur auf einzelne Zustände, sondern auf die Art, wie man wahrnimmt, bewertet und unterscheidet. Metabewusstsein ist die Voraussetzung, Bewusstheit die Praxis.
Eine Verwechslung ist an dieser Stelle noch auszuschließen. Der Psychiater Karl Jaspers hat das Wort Bewusstheit schon 1913 in einem ganz anderen Sinn gebraucht. Er sprach von „leibhaftigen Bewusstheiten“ und meinte damit ein unanschauliches, unmittelbares Gegenwärtigkeitswissen: das sichere Gefühl etwa, im völlig dunklen Raum stehe eine Wand direkt vor einem, obwohl man nichts sieht und nichts hört. Eine solche Bewusstheit ist keine Haltung, sondern eine Weise, wie etwas gegeben ist, und sie kann täuschen. Der Doppelsinn ist lehrreich. Dasselbe Wort bezeichnet einmal die unmittelbare Gewissheit, die sich aufdrängt, und einmal die Fähigkeit, sie zu befragen. Wo in dieser Serie von Bewusstheit die Rede ist, ist immer die zweite gemeint.
In diesem Sinn lässt sich auch verstehen, was der Philosoph Thomas Metzinger eine „Kultur der Bewusstheit“ nennt. Gemeint ist kein besonderer Zustand, sondern eine eingeübte Weise, mit dem eigenen Geist umzugehen: die automatische Identifikation mit Gedanken, Gefühlen und dem eigenen Ich-Modell zu bemerken und zu lockern.
Man kann eine Stufenfolge andeuten, ohne sie zu streng zu nehmen. Bewusstsein: Etwas wird mir gegenwärtig. Bewusstheit: Ich bemerke, dass und wie es mir gegenwärtig wird. Selbstbewusstheit: Ich bemerke, wie ich selbst wahrnehme, fühle, unterscheide und entscheide. Mit Luhmann gesprochen ist diese letzte Stufe eine Beobachtung zweiter Ordnung, angewandt auf sich selbst. Ich beobachte, mit welchen Unterscheidungen ich beobachte.
Wie leicht das Gegenteil geschieht, zeigt eine Beobachtung Gigerenzers aus Unternehmen und Kliniken. Nach seinen Befragungen ist etwa die Hälfte der wichtigen Entscheidungen in großen Unternehmen letztlich eine Bauchentscheidung. Zugegeben wird das selten. Weil Intuition als unwissenschaftlich gilt, wird sie nachträglich mit Gutachten und Präsentationen unterfüttert. Oder man wählt gleich die zweitbeste Option, weil sie sich im Ernstfall besser verteidigen lässt. Gigerenzer spricht von defensivem Entscheiden, in der Medizin von defensiver Medizin. In unserer Begrifflichkeit ist das Bewusstsein ohne Bewusstheit. Man weiß durchaus, dass man entschieden hat. Aber man verschweigt vor anderen und oft vor sich selbst, woher die Entscheidung kam. Bewusstheit hieße hier, die Quelle eines Urteils zu kennen und zu ihr zu stehen. Zugleich hieße es, zu prüfen, ob diese Quelle für diese Lage taugt.
Bewusstheit setzt oft spät ein. Der somatische Marker hat schon gewertet, der Affekt hat die Aufmerksamkeit schon gelenkt, die Unterscheidung ist schon getroffen, bevor ich bemerke, was in mir geschieht. Bewusstheit kann den Impuls nicht ungeschehen machen. Aber sie kann ihn sichtbar machen. Und damit entsteht eine Frage, die ohne sie gar nicht gestellt werden könnte: Muss ich dem folgen?
Schluss: Die Hand, die weiß, dass sie tastet
Ein altes Gleichnis erzählt von Blinden, die einen Elefanten betasten und jeder seinen Teil für das Ganze halten. Bewusstsein ist das Tasten. Bewusstheit ist das Wissen, dass man tastet, und die Frage, mit welcher Hand.
Damit lässt sich genauer sagen, wo die Grenzen des eigenen Erkennens liegen. Sie liegen nicht erst dort, wo Wissen fehlt. Sie liegen bereits bei den Unterscheidungen, mit denen wir entscheiden, was uns überhaupt als Wissen, als Problem, als Unrecht oder als Möglichkeit erscheint. Wer so auf sich blickt, kann seine Unterscheidungen beobachten, sie prüfen und gelegentlich neue erfinden. Einen Ort außerhalb aller Unterscheidungen erreicht er nie. Bewusstheit ist deshalb keine Vollendung des Bewusstseins, sondern das Wissen um seine Bedingtheit.
Wer das erkannt hat, steht vor einer praktischen Frage. Wie führt man sich selbst, wenn man die Kräfte, aus denen das eigene Tun hervorgeht, nur teilweise sieht? Aus der Bewusstheit wird so die Frage nach Selbstführung und nach Verantwortung.Vom Bewusstsein zur Bewusstheit
