Was die Psychopathologie über das gewöhnliche Bewusstsein verrät
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Der erste Satz von Franz Kafkas „Die Verwandlung“ (1915) gehört zu den berühmtesten der deutschen Literatur. Erstaunlicher als der Satz ist aber, was danach geschieht, oder vielmehr, was nicht geschieht. Gregor schreit nicht, er zweifelt nicht an seinem Verstand, er fragt nicht, ob er träumt. Er sorgt sich, dass er den Zug um fünf Uhr verpasst hat. Er überlegt, wie er seinem Chef die Verspätung erklären soll. Das Ungeheuerliche wird behandelt wie eine lästige Unpässlichkeit. Es hat für ihn den vollen Charakter des Wirklichen, und es fügt sich nahtlos in den Alltag ein.
Man stelle daneben eine Erfahrung, die in psychiatrischen Sprechstunden häufig geschildert wird und in ihrer Art das genaue Gegenteil ist. Eine Frau sitzt in ihrer Küche. Alles ist an seinem Platz, sie erkennt jeden Gegenstand, sie weiß, dass dies ihre Küche ist und dass sie selbst es ist, die dort sitzt. Und doch fühlt sich nichts davon wirklich an. Die Welt wirkt wie hinter Glas, wie eine Kulisse, wie ein Film. Ihre Hände kommen ihr fremd vor, als gehörten sie jemand anderem. Sie weiß, dass alles wirklich ist. Sie spürt es nur nicht.
Bei Kafka ist das Unmögliche selbstverständlich geworden, in der Küche ist das Selbstverständliche unwirklich. Beide Fälle zeigen von entgegengesetzten Seiten dasselbe: Dass uns die Welt als wirklich erscheint und wir uns als wir selbst, ist keine schlichte Gegebenheit. Es ist eine Leistung, die gewöhnlich so reibungslos geschieht, dass wir sie nie bemerken. Erst wenn sie ausfällt, sehen wir, dass sie da war. Dieser Artikel geht den Stellen nach, an denen das Gefüge des Bewusstseins brechen kann, und fragt, was diese Brüche über das gewöhnliche Bewusstsein verraten.
I. Erst beschreiben, dann erklären
Die Psychopathologie ist die Lehre von den krankhaften Veränderungen des Erlebens und Verhaltens. Ihre moderne Gestalt verdankt sie vor allem Karl Jaspers, dessen „Allgemeine Psychopathologie“ von 1913 bis heute nachwirkt. Jaspers verlangte etwas, das selbstverständlich klingt und doch ständig verfehlt wird: Bevor man ein seelisches Phänomen erklärt, muss man genau beschreiben, wie es dem Betroffenen gegeben ist. Was erlebt er? Wie erlebt er es? Welche Art von Gewissheit, Fremdheit oder Unwirklichkeit hat es für ihn? Erst dann kann man nach Ursachen fragen, im Gehirn, in der Lebensgeschichte, in den Verhältnissen.
Diese Haltung ist keine Absage an die Medizin. Sie schützt vielmehr davor, dass der Mensch hinter der Diagnose verschwindet. Und sie macht die Psychopathologie zu etwas, das über die Klinik hinausreicht: zu einer Art Grenzwissenschaft des Bewusstseins. Gerade die Abweichung zeigt, was im Normalfall unsichtbar bleibt.
II. Klarheit als Leistung
Die Psychiatrie unterscheidet zunächst quantitative Bewusstseinsstörungen, Abstufungen der Wachheit von der Benommenheit über die Schläfrigkeit bis zum Koma, von qualitativen Störungen, bei denen nicht die Wachheit nachlässt, sondern die Klarheit und Ordnung des Erlebens. Das Bewusstsein kann getrübt sein, eingeengt auf einen schmalen Ausschnitt, verschoben in eine eigentümlich veränderte Verfassung.
Die häufigste und zugleich am meisten unterschätzte Form ist das Delir. Wer einen älteren Angehörigen nach einer Operation im Krankenhaus besucht hat, kennt es vielleicht. Der Vater, gestern noch ganz er selbst, weiß plötzlich nicht mehr, wo er ist. Er hält die Schwester für seine verstorbene Frau, sieht Tiere über die Wand laufen, will dringend zur Arbeit, die er seit zwanzig Jahren nicht mehr hat. Am nächsten Morgen ist er wieder klar, am Abend erneut verwirrt. Das Delir hat körperliche Ursachen, eine Infektion, eine Narkose, Medikamente, Flüssigkeitsmangel, und es klingt meist ab, wenn sie behoben sind.
Für die Frage nach dem Bewusstsein ist das Delir aufschlussreich, weil es zwei Ebenen trennt, die die Bewusstseinsphilosophie unterscheidet: Wachheit und Erleben. Der delirante Mensch ist wach, oft sogar unruhig und übererregt. Er erlebt intensiv. Aber das Erleben hat seine Ordnung verloren: die Orientierung in Zeit, Ort und Person, die Unterscheidung zwischen Wahrnehmung und innerem Bild, den Zusammenhang von einem Augenblick zum nächsten. Was wir „klares Bewusstsein“ nennen, ist also nicht einfach eingeschaltetes Bewusstsein. Es ist eine fortlaufende Ordnungsleistung, die schon durch Fieber oder eine Narkose aus dem Gleichgewicht geraten kann.
III. Wem gehören meine Gedanken?
Jaspers hat beschrieben, was das gewöhnliche Ich-Bewusstsein ausmacht, und vier Merkmale genannt. Das Tätigkeitsbewusstsein: Ich bin es, der denkt, fühlt und handelt. Die Einheit: Ich bin in diesem Augenblick einer. Die Identität: Ich bin über die Zeit hinweg derselbe. Und die Abgrenzung: Ich bin ich und nicht die Welt und nicht der andere. Funktional kann man das Ich als System beschreiben, das Gegenwart und Vergangenheit verknüpft, Zukunft vorwegnimmt und sich auf sich selbst zurückbezieht. Jaspers‘ Merkmale lesen sich wie die Innenseite einer solchen Beschreibung: so fühlt es sich an, wenn das System funktioniert.
Was geschieht, wenn eines dieser Merkmale ausfällt, zeigen die Ich-Störungen, die der Psychiater Kurt Schneider zu den kennzeichnenden Symptomen der Schizophrenie zählte. Ein Mensch erlebt, dass ihm Gedanken eingegeben werden, die nicht seine eigenen sind. Oder dass ihm Gedanken entzogen werden, mitten im Satz. Oder dass seine Bewegungen von außen gesteuert werden, als sei er eine Marionette. Diese Erfahrungen sind keine bloßen Überzeugungen über die Welt. Sie betreffen das Tätigkeitsbewusstsein selbst, das Gefühl der Urheberschaft, das gewöhnlich jeden Gedanken und jede Bewegung still begleitet: Das bin ich.
Wie dieses Gefühl entsteht, hat die Neurowissenschaft an einem überraschend alltäglichen Phänomen untersucht. Man kann sich nicht selbst kitzeln. Die Neurowissenschaftlerin Sarah-Jayne Blakemore und ihre Kollegen um Chris Frith und Daniel Wolpert haben in den späten 1990er Jahren gezeigt, warum. Wenn wir eine Bewegung ausführen, sagt das Gehirn deren sensorische Folgen voraus und dämpft sie. Die Berührung, die ich selbst erzeuge, ist erwartet und darum schwach. Die Berührung durch einen anderen kommt unerwartet und kitzelt. Bei Menschen, die erleben, dass ihre Handlungen von außen gesteuert werden, scheint diese Vorhersage gestört zu sein. In einer Folgestudie empfanden sie die selbst erzeugte Berührung als ebenso kitzlig wie die fremde. Das Gefühl, Urheber des eigenen Tuns zu sein, beruht demnach auf einem stillen Abgleich zwischen dem, was ich erwarte, und dem, was geschieht. Wenn dieser Abgleich versagt, fühlt sich das Eigene fremd an.
Damit erscheint eine alte Frage in neuem Licht, die Frage, ob wir Urheber unseres Tuns sind. Hier zeigt sich, dass schon das Gefühl der Urheberschaft eine Konstruktion ist, eine verlässliche, aber keine selbstverständliche.
IV. Hinter Glas
Die Frau in der Küche leidet unter dem, was die Psychiatrie Depersonalisation und Derealisation nennt. Bei der Depersonalisation erscheint das eigene Selbst fremd, die Gefühle wie abgeschaltet, der Körper wie ein Apparat, den man von außen bedient. Bei der Derealisation erscheint die Umwelt unwirklich, flach, gläsern, wie im Traum. Flüchtig kennen sehr viele Menschen solche Zustände, nach einer durchwachten Nacht, in großer Erschöpfung, in einem Schock. Bei manchen werden sie dauerhaft und quälend.
Mit der Unterscheidung, die Jaspers zwischen dem Wirklichkeitscharakter eines Erlebnisses und dem Realitätsurteil getroffen hat, lässt sich genau sagen, was hier geschieht. Das Realitätsurteil ist intakt: Die Betroffenen wissen, dass die Welt wirklich ist und dass sie selbst es sind, die empfinden. Was fehlt, ist der Wirklichkeitscharakter, das unmittelbare Gefühl, dass es so ist. Die Derealisation ist damit das spiegelbildliche Gegenstück zum Wahn. Im Wahn hat eine Deutung den vollen Wirklichkeitscharakter, obwohl das Urteil anderer sie verwirft. In der Derealisation fehlt der Wirklichkeitscharakter, obwohl das eigene Urteil die Wirklichkeit bestätigt.
Gerade deshalb ist diese Störung so aufschlussreich. Sie zeigt, dass Wissen und Wirklichkeitsgefühl zwei verschiedene Dinge sind, die gewöhnlich zusammenfallen. Wir glauben, die Welt sei wirklich, weil wir es wissen. In Wahrheit fühlen wir es, und das Wissen kommt dazu. Kafkas Gregor Samsa steht auf der anderen Seite dieser Unterscheidung. Wie im Traum, wo das Unmögliche nicht befremdet, hat bei ihm das Absurde den Wirklichkeitscharakter des Gewöhnlichen, und kein Urteil erhebt Einspruch. Kafka macht daraus Literatur, weil er den Leser in eine Lage bringt, in der dieser selbst nicht mehr weiß, wo Einspruch angebracht wäre.
V. Wo endet das Ich?
Eine weitere Form, in der das Gefüge des Bewusstseins auseinandertreten kann, hat der französische Psychologe und Psychiater Pierre Janet Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben. Er nannte sie Dissoziation, ein Auseinanderfallen von Funktionen, die gewöhnlich zusammenwirken. Erinnerungen, Wahrnehmungen, Gefühle und Handlungen können sich von der Einheit des Ich lösen und gleichsam auf eigene Rechnung weiterlaufen. Ein Mensch erinnert sich an einen ganzen Zeitraum seines Lebens nicht. Ein anderer findet sich an einem fremden Ort wieder, ohne zu wissen, wie er dorthin kam. Häufig steht hinter solchen Zuständen eine überwältigende Erfahrung, die sich nicht in die Geschichte des Ich einfügen lässt. Die Dissoziation schützt dann, indem sie trennt, und sie verletzt, weil das Getrennte nicht mehr verbunden werden kann.
Wie zerbrechlich die Grenze zwischen dem Ich und dem anderen sein kann, hat kaum ein Kunstwerk so beklemmend gezeigt wie Ingmar Bergmans Film „Persona“ (1966). Die berühmte Schauspielerin Elisabet Vogler hört mitten in einer Vorstellung auf zu sprechen und schweigt von da an. Eine junge Krankenschwester, Alma, soll sie in einem einsamen Haus am Meer pflegen. Weil Elisabet nicht spricht, spricht Alma, immer mehr, immer offener, bis sie ihr Intimstes preisgibt. Allmählich verschwimmen die beiden Frauen. Alma spricht Sätze, die Elisabets Leben betreffen, und weiß nicht, ob es ihre eigenen sind. In einer der bekanntesten Einstellungen der Filmgeschichte verschmelzen ihre Gesichter zu einem einzigen.
Der Titel ist Programm. „Persona“ hieß im antiken Theater die Maske, durch die der Schauspieler sprach. Bergman stellt Jaspers‘ viertes Merkmal des Ich-Bewusstseins, die Abgrenzung, auf die Probe: Was bleibt von einem Ich, wenn ihm das Gegenüber, an dem es sich unterscheidet, keine Antwort mehr gibt? Der Film beginnt übrigens mit dem Aufglühen eines Projektors, und an seinem dramatischen Höhepunkt scheint der Filmstreifen zu reißen und zu verbrennen. Selbst das Medium, durch das der Zuschauer schaut, gibt seine Selbstverständlichkeit auf.
VI. Wenn die Zeit stillsteht und der Leib schwer wird
Auch Zeit und Leib, die beiden unauffälligsten Bedingungen des Erlebens, können ihren vertrauten Charakter verlieren. Psychiater wie Erwin Straus, Viktor Emil von Gebsattel und Eugène Minkowski haben in den 1920er und 1930er Jahren beschrieben, wie sich in der schweren Depression das Zeiterleben verändert. Die Zeit fließt nicht mehr, sie stockt. Die Zukunft ist kein offener Raum von Möglichkeiten mehr, sondern verschlossen. Die Vergangenheit wird zur unaufhebbaren Last, oft zur Schuld. Die Betroffenen sagen nicht nur, dass sie traurig sind. Sie sagen, dass nichts mehr weitergeht.
Der Heidelberger Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs, der heute die phänomenologische Tradition von Jaspers fortführt, hat ergänzt, wie sich in der Depression auch der Leib verändert. Gewöhnlich ist der Leib das unbemerkte Medium, durch das wir in der Welt sind. Wir denken nicht an unsere Beine, wenn wir gehen, sondern an den Weg. In der Depression drängt sich der Leib nach vorn. Er wird schwer, starr, ein Hindernis zwischen dem Menschen und der Welt. Man könnte sagen: Aus dem Leib, der man ist, wird ein Körper, den man mit sich schleppen muss.
Das Gegenstück dazu ist eine Beobachtung, die der Psychologe Louis Sass und der Psychiater Josef Parnas für die Schizophrenie formuliert haben. Sie sprechen von Hyperreflexivität. Vorgänge, die gewöhnlich still im Hintergrund ablaufen, das eigene Denken, Wahrnehmen und Bewegen, drängen sich ins Bewusstsein und werden zum Gegenstand ständiger Beobachtung. Was sonst selbstverständlich trägt, wird fragwürdig, weil es unablässig betrachtet wird. Dieser Befund ist unbequem für jeden, der Selbstbeobachtung für ein unbedingtes Gut hält, und gerade deshalb wichtig. Er zeigt, dass mehr Selbstbeobachtung nicht immer mehr Klarheit bedeutet. Es gibt eine Form der Bewusstheit, die nicht befreit, sondern zersetzt.
VII. Sehen, was nicht da ist
Halluzinationen gelten als Inbegriff der Geisteskrankheit. Doch die Geschichte ihrer Erforschung beginnt mit einem gesunden alten Mann. Der Genfer Naturforscher Charles Bonnet beschrieb 1760, was sein Großvater Charles Lullin erlebte, der durch den grauen Star fast erblindet war. Der alte Herr sah Menschen, Vögel, Kutschen und Gebäude, die nicht da waren, in allen Einzelheiten. Und er wusste die ganze Zeit, dass sie nicht da waren. Das nach Bonnet benannte Syndrom ist bei Menschen mit schwerem Sehverlust gar nicht selten. Der Neurologe Oliver Sacks hat es in seinem Buch „Drachen, Doppelgänger und Dämonen“ (2012, deutsch 2013) eindrucksvoll geschildert. Die Betroffenen sprechen oft nicht darüber, aus Angst, man halte sie für verrückt.
Die neuere Wahrnehmungsforschung beschreibt Wahrnehmung als „kontrollierte Halluzination“, so der Neurowissenschaftler Anil Seth, eine fortlaufende Vorhersage des Gehirns, die von den Sinnen korrigiert wird. Beim Charles-Bonnet-Syndrom fällt die Korrektur aus. Das Sehsystem bekommt kaum noch Signale von den Augen, aber es hört nicht auf, Bilder zu erzeugen. Was sonst kontrolliert wird, läuft frei. Und doch bleibt das Urteil intakt. Hier hat das Gesehene den vollen Wahrnehmungscharakter und wird trotzdem nicht für wirklich gehalten. Auch das ist eine Trennung von Wirklichkeitscharakter und Realitätsurteil, diesmal in einer dritten Variante.
Ähnliches gilt für Erfahrungen, die nach dem Verlust eines geliebten Menschen häufig sind: das Gefühl seiner Anwesenheit, seine Stimme im Nebenzimmer, seine Gestalt im Sessel. Und es gilt für viele Menschen, die Stimmen hören, ohne krank zu sein. Der niederländische Psychiater Marius Romme und die Forscherin Sandra Escher haben seit den späten 1980er Jahren gezeigt, dass Stimmenhören in der Bevölkerung verbreiteter ist, als die Psychiatrie lange annahm, und dass entscheidend weniger die Stimmen selbst sind als die Beziehung, die ein Mensch zu ihnen findet. Daraus ist eine internationale Bewegung von Stimmenhörern entstanden. Was zählt, ist nicht, ob man etwas Ungewöhnliches erlebt, sondern ob man es einordnen kann.
VIII. Ehrliches Erfinden
Eine letzte Bruchstelle betrifft das Gedächtnis. Der russische Psychiater Sergei Korsakow beschrieb 1887 Patienten, die infolge langjährigen Alkoholmissbrauchs, wie man heute weiß vor allem durch einen Mangel an Vitamin B1, kaum noch neue Erinnerungen bilden konnten. Fragte man sie, was sie gestern getan hätten, gaben sie bereitwillig Auskunft: Sie seien in der Stadt gewesen, hätten einen Freund getroffen, ein Geschäft abgeschlossen. Nichts davon war geschehen. Sie lagen seit Wochen in der Klinik. Aber sie logen nicht. Sie glaubten, was sie sagten. Die Psychiatrie nennt das Konfabulation.
Die Konfabulation ist das unheimliche Gegenstück zu einem berühmten Fall der Gedächtnisforschung, dem britischen Musiker Clive Wearing, der sich nach dem Verlust seines Gedächtnisses in jedem Augenblick wie neu erwacht fühlte. Wearing erlebte die Lücke. Die Korsakow-Patienten füllen sie, ohne es zu bemerken. Sie erinnern damit an den „Interpreten“, den Michael Gazzaniga bei Patienten mit getrennten Hirnhälften beobachtet hat, und an die Blinden mit Anton-Syndrom, die ihre Umgebung beschreiben, obwohl sie nichts sehen. In allen drei Fällen tut das Bewusstsein, was es offenbar immer tut: Es erzählt eine zusammenhängende Geschichte. Nur fehlt ihm das Material, und es bemerkt das Fehlen nicht.
IX. Was der Abweg sichtbar macht
Der Kulturpsychologe Ernst E. Boesch hat 1976 ein Buch mit dem Titel „Psychopathologie des Alltags“ veröffentlicht, eine bewusste Anspielung auf Freuds „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“ von 1901. Freud hatte dort an Versprechern, Vergessen und Vergreifen gezeigt, dass im gewöhnlichen Leben dieselben Kräfte wirken wie in der Neurose. Boesch fragte, wie Störungen des Handelns die Organisation des gewöhnlichen Handelns sichtbar machen. Beide teilen eine Einsicht, die man in einen Satz fassen kann: Auch in den Abwegen kann man Wege erkennen. Nicht weil der Abweg der eigentliche Weg wäre, sondern weil er zeigt, was gewöhnlich unsichtbar trägt.
Was zeigen die Abwege dieses Artikels? Sie zeigen eine ganze Reihe stiller Synthesen, die im gewöhnlichen Bewusstsein unablässig geleistet werden. Das Erleben ist geordnet, nicht nur wach. Meine Gedanken fühlen sich an wie meine. Die Welt fühlt sich wirklich an, nicht nur gewusst. Das Vertraute fühlt sich vertraut an. Die Zeit fließt, und die Zukunft steht offen. Der Leib trägt, ohne sich vorzudrängen. Ich bin von den anderen unterschieden und doch auf sie bezogen. Die Lücken meines Gedächtnisses bleiben Lücken, statt sich mit Erfindungen zu füllen. Keine dieser Leistungen ist selbstverständlich. Jede kann ausfallen, und jede kann einzeln ausfallen, während die anderen weiterarbeiten.
Dabei ist Vorsicht geboten. Ein Ausfall beweist nicht von selbst, wie die gesunde Funktion beschaffen ist. Abweichungen regen Hypothesen an, die geprüft werden müssen. Und wer über diese Erfahrungen schreibt, sollte nie vergessen, dass sie für die Betroffenen zuerst Leiden sind und erst in zweiter Linie Erkenntnisquellen für andere.
Schluss: Identität als fortlaufende Arbeit
Die Lehre der Psychopathologie lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wir können uns nicht nur in unseren Urteilen irren. Schon die Weise, in der uns etwas als wirklich, als vertraut, als unser Eigenes erscheint, kann sich verändern. Das Ich, das sich so sicher als Mittelpunkt seiner Welt erlebt, ist keine feste Substanz, sondern eine fortlaufende Integrationsleistung. Es wird in jedem Augenblick neu hergestellt, aus Wahrnehmung und Erwartung, aus Erinnerung und Gefühl, aus Leib und Beziehung.
Gregor Samsa stirbt am Ende der Erzählung, abgemagert und vergessen, und seine Familie macht an einem warmen Frühlingstag einen Ausflug ins Grüne. Die Welt geht weiter, als sei nichts gewesen. Kafka zeigt damit noch eine letzte stille Synthese, die vielleicht die wichtigste ist: dass wir für andere wirklich bleiben. Wo sie zerbricht, bleibt auch das eigene Ich nicht unberührt.
Wenn aber das Ich ein so zerbrechliches Gefüge ist, wie kann es seine Ordnung zugleich stabil halten und für Korrektur offen? Zwischen der Starrheit, die jede Irritation abwehrt, und der Auflösung, die nichts mehr hält, liegt eine Frage, die nicht nur Kranke betrifft, sondern jeden: Wie offen ist mein eigenes Denken? Ihr widmet sich der nächste Artikel.
