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Der Schlüssel, nicht das Schloss

sachin khadka Tw4a XxI0O0 unsplash

Bewusstsein und Wirklichkeit oder könnte es so sein?

Es regnet in Strömen. Unter dem verfallenen Rashōmon-Tor im alten Kyoto suchen drei Männer Schutz, ein Holzfäller, ein Mönch und ein Bürger. Holzfäller und Mönch sind verstört. Sie kommen von einer Gerichtsverhandlung über einen Mord im Wald: Ein Samurai ist tot, seine Frau wurde vergewaltigt, ein berüchtigter Bandit ist gefasst. Und sie haben dort Geschichten gehört, die einander ausschließen.

Der Bandit erzählt von einem ehrenvollen Zweikampf, den er gewonnen habe. Die Frau erzählt, ihr Mann habe sie nach der Schande nur mit kalter Verachtung angesehen; sie sei ohnmächtig geworden und beim Erwachen habe ihr Dolch in seiner Brust gesteckt. Der tote Samurai spricht durch ein Medium und erklärt, er habe sich selbst getötet, wie es einem Krieger zukommt. Und der Holzfäller, der als Einziger keine Rolle zu spielen scheint, erzählt unter dem Tor eine vierte Version, in der alle drei erbärmlich dastehen, bis sich herausstellt, dass auch er etwas zu verbergen hat.

Akira Kurosawas Film „Rashomon“ (1950) gewann den Goldenen Löwen von Venedig und machte das japanische Kino im Westen bekannt. Die Rechtspsychologie spricht seither vom „Rashomon-Effekt“, wenn Zeugen desselben Geschehens Unvereinbares berichten. Das Bemerkenswerte an dem Film ist aber nicht, dass Menschen lügen. Es ist, dass jede Version für ihren Erzähler eine innere Stimmigkeit besitzt. Jeder hat gesehen, erinnert und gedeutet, und am Ende steht für jeden eine Wirklichkeit, die zu seinem Bild von sich selbst passt. Der Film löst den Fall nicht auf. Er lässt den Zuschauer mit einer Frage zurück, die älter ist als jede Kriminalistik: Gibt es hinter allen Versionen eine Wirklichkeit, und wenn ja, wie kommen wir an sie heran?

Diese Serie hat bisher vor allem gefragt, was Bewusstsein ist, wie es sich selbst beobachtet und woraus das Ich entsteht. Dabei war schon mehrfach davon die Rede, dass Wahrnehmung eine Vorhersage des Gehirns ist und jede Beobachtung mit einer Unterscheidung arbeitet, die sie selbst nicht sieht. Dieser Artikel stellt die Frage, die dem vorausliegt: Wie kommt es überhaupt dazu, dass uns etwas als Wirklichkeit erscheint? Die Denkrichtung, die darauf die radikalsten Antworten gegeben hat, heißt Konstruktivismus.

I. Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Der österreichische Kommunikationsforscher und Psychotherapeut Paul Watzlawick hat 1976 ein Buch mit dem Titel „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ veröffentlicht. Sein Untertitel lautet „Wahn, Täuschung, Verstehen“, und schon darin steckt das Programm. Watzlawick behauptete nicht, die Welt sei eine Einbildung. Er schlug vor, zwei Arten von Wirklichkeit zu unterscheiden.

Die Wirklichkeit erster Ordnung umfasst die Eigenschaften der Dinge, über die man sich durch Beobachtung und Messung einigen kann. Eine Ampel sendet Licht einer bestimmten Wellenlänge aus. Die Wirklichkeit zweiter Ordnung ist die Bedeutung, die wir diesen Dingen zuschreiben. Dass Rot „Halt“ heißt, steht nicht im Licht. Es ist eine Übereinkunft, die wir so selbstverständlich gelernt haben, dass sie uns als Eigenschaft der Ampel erscheint. Über die erste Ordnung kann man streiten und den Streit durch Messung entscheiden. Über die zweite kann man nicht auf dieselbe Weise entscheiden, weil es keine Messung gibt, die eine Bedeutung als richtig erweist.

Die Pointe liegt nicht darin, dass alles subjektiv wäre. Sie liegt darin, dass wir die beiden Ordnungen ständig verwechseln. Wir halten das, was etwas für uns bedeutet, für das, was es ist. Und wir leben, handeln und leiden nicht in der ersten, sondern fast ausschließlich in der zweiten Ordnung.

Wie weit das reicht, hat Watzlawick in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ (1983) mit einer Geschichte gezeigt, die zu den bekanntesten des Buches gehört. Ein Mann will ein Bild aufhängen und hat keinen Hammer. Er beschließt, den Nachbarn zu fragen. Dann kommen ihm Zweifel. Gestern hat der Nachbar ihn nur flüchtig gegrüßt. Vielleicht war er in Eile, vielleicht hat er etwas gegen ihn. Wenn jemand ihn um ein Werkzeug bäte, er gäbe es sofort. Warum der Nachbar nicht? Solche Leute vergiften einem das Leben. Der Mann stürmt hinüber, klingelt, und noch bevor der Nachbar „Guten Tag“ sagen kann, schreit er ihn an: „Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!“

Die Geschichte ist komisch, weil sie übertreibt. Sie ist beunruhigend, weil jeder die Bewegung kennt. Das Ereignis, um das es geht, hat nie stattgefunden. Der Nachbar hat nichts verweigert. Alles, was den Mann in Wut versetzt, ist eine Deutung, die sich aus sich selbst nährt. In der Sprache des Psychotherapeuten Albert Ellis: Hier gibt es kein auslösendes Ereignis mehr, nur noch die Überzeugung und ihre Folgen.

II. Wirklich in ihren Folgen

Dass Deutungen Wirklichkeit nicht nur verzerren, sondern hervorbringen können, haben Soziologen schon früher bemerkt. 1928 formulierten William I. Thomas und Dorothy Swaine Thomas einen Satz, der als Thomas-Theorem in die Lehrbücher einging: Wenn Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Folgen wirklich.

Robert K. Merton hat daraus 1948 den Begriff der sich selbst erfüllenden Prophezeiung gemacht. Sein Beispiel ist eine solide Bank, über die das Gerücht entsteht, sie sei zahlungsunfähig. Die Kunden glauben das Gerücht und heben ihr Geld ab. Weil alle gleichzeitig abheben, wird die Bank tatsächlich zahlungsunfähig. Die falsche Definition der Lage hat eine Wirklichkeit erzeugt, die sie nachträglich bestätigt. Und wer am Ende fragt, ob das Gerücht stimmte, bekommt die Antwort: ja.

Dasselbe gilt für Etiketten, die man Menschen anheftet. Der amerikanische Psychologe David Rosenhan berichtete 1973 von einem Experiment, das Watzlawick später in seinen Sammelband „Die erfundene Wirklichkeit“ aufnahm. Gesunde Versuchspersonen hätten sich in psychiatrische Kliniken einweisen lassen, indem sie angaben, Stimmen zu hören. Einmal aufgenommen, hätten sie sich völlig normal verhalten, doch das Personal habe alles, was sie taten, im Licht der Diagnose gedeutet, bis hin zum Notizenmachen als „Schreibverhalten“. Das Experiment wurde zu einem Klassiker der Psychiatriekritik. Inzwischen hat die Journalistin Susannah Cahalan nach langen Recherchen erhebliche Zweifel daran vorgebracht, ob es so stattgefunden hat, wie Rosenhan es darstellte. Das ist eine Ironie, die den Gedanken nicht widerlegt, sondern auf seinen Urheber zurückwendet: Auch die Geschichte von der Macht der Etiketten war offenbar wirkmächtiger als ihre Prüfung.

III. Der Schlüssel und das Schloss

Watzlawick stand für einen gemäßigten, alltagsnahen Konstruktivismus. Einige seiner Weggefährten gingen weiter. Der aus Österreich stammende Physiker und Kybernetiker Heinz von Foerster begann einen berühmten Aufsatz mit einem kleinen Experiment. Man schließt das linke Auge, fixiert mit dem rechten ein Kreuz auf dem Papier und bewegt das Blatt langsam vor und zurück. In einem bestimmten Abstand verschwindet ein danebengedruckter schwarzer Punkt. Er fällt auf den blinden Fleck der Netzhaut, die Stelle, an der der Sehnerv austritt und keine Sinneszellen liegen. Bemerkenswert ist nicht, dass wir dort nichts sehen. Bemerkenswert ist, dass wir es nicht bemerken. Das Gesichtsfeld hat kein Loch. Von Foerster fasste das in eine Formel, die weit über die Physiologie hinausreicht: Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen.

Der Philosoph Ernst von Glasersfeld nannte diese Richtung radikalen Konstruktivismus. Radikal ist sie, weil sie die klassische Vorstellung von Erkenntnis aufgibt, nach der ein Wissen dann wahr ist, wenn es mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Diese Übereinstimmung könnten wir nie prüfen, so Glasersfeld, denn dazu müssten wir unser Wissen mit einer Wirklichkeit vergleichen, die uns unabhängig von unserem Wissen gegeben wäre. Eine solche haben wir nicht. An die Stelle der Wahrheit setzte er einen anderen Begriff: Viabilität, Gangbarkeit. Ein Wissen ist viabel, wenn es sich bewährt, wenn wir mit ihm handeln, vorhersagen und überleben können.

Glasersfeld hat dafür ein Bild gewählt, das man nicht mehr vergisst. Ein Schlüssel passt in ein Schloss, wenn er es öffnet. Das heißt aber nicht, dass der Schlüssel das Schloss abbildet. Man könnte hinzufügen: Ein Einbrecher öffnet dasselbe Schloss mit einem ganz anders geformten Dietrich. Wer nur Schlüssel besitzt, die passen, weiß dadurch noch nicht, wie das Schloss von innen aussieht. Unser Wissen über die Welt gleicht solchen Schlüsseln. Es öffnet Türen. Ein Bild der Welt ist es nicht.

Man hat dem radikalen Konstruktivismus oft vorgeworfen, er widerlege sich selbst. Wer behauptet, alle Erkenntnis sei Konstruktion, stelle eine Behauptung auf, die selbst nur eine Konstruktion sein könne. Und er öffne die Tür zur Beliebigkeit: Wenn es keine Wahrheit gibt, ist dann nicht jede Sicht so gut wie jede andere? Der Begriff der Viabilität ist die Antwort auf diesen zweiten Einwand, und sie ist stärker, als die Kritiker meinen. Nicht jeder Schlüssel passt. Die Welt verweigert sich den meisten unserer Konstruktionen. Wer die Treppenstufe falsch vorhersagt, stolpert. Wer ein Land regieren will und die Folgen seines Handelns nicht prüft, erntet Hunger. Die Wirklichkeit sagt uns nicht, wie sie ist. Aber sie sagt uns zuverlässig, wie sie nicht ist.

Daraus ergibt sich eine Bescheidenheit, die keine Beliebigkeit ist. Perspektiven sind nicht gleich gut. Sie unterscheiden sich darin, wie viel Erfahrung sie tragen, wie viel Widerspruch sie aushalten, wie offen sie für Korrektur bleiben. Von Foerster hat daraus sogar einen ethischen Imperativ gemacht: Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird. Wer weiß, dass seine Wirklichkeit eine unter möglichen ist, hat einen Grund, anderen Möglichkeiten Raum zu lassen.

IV. Wirklichkeit entsteht zwischen uns

Konstruktion klingt nach einem einsamen Vorgang, nach einem Gehirn, das sich im Dunkel des Schädels seine Welt zusammensetzt. Doch kaum etwas, das wir für wirklich halten, haben wir allein geprüft. Die Soziologen Peter L. Berger und Thomas Luckmann haben 1966 in ihrem Buch „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ beschrieben, wie Gesellschaften ihre Wirklichkeit herstellen und erhalten. Menschen erzeugen Ordnungen, Gewohnheiten und Institutionen. Diese verfestigen sich und treten den Menschen schließlich als objektive Tatsachen gegenüber, als „wie es eben ist“. Und jede neue Generation verinnerlicht sie, als wären sie Natur.

Besonders aufschlussreich ist Bergers und Luckmanns Beobachtung, wodurch diese Wirklichkeit im Alltag gestützt wird: durch das Gespräch. Nicht durch große Lehren, sondern durch das beiläufige, unaufhörliche Reden mit anderen, in dem eine Welt stillschweigend als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Was niemand mehr bestätigt, verliert seine Selbstverständlichkeit. Die beiden Soziologen sprachen von Plausibilitätsstrukturen. Wirklichkeit ist in diesem Sinn nicht nur etwas, das man wahrnimmt. Sie ist etwas, das man miteinander unterhält.

Wie weit diese Macht des Miteinanders reicht, hat der Sozialpsychologe Solomon Asch in den frühen 1950er Jahren mit einem Versuch gezeigt, der zu den bekanntesten der Psychologie gehört. Eine Versuchsperson sitzt mit sieben anderen an einem Tisch. Gezeigt wird eine Linie und daneben drei Vergleichslinien, von denen eine offensichtlich gleich lang ist. Reihum soll jeder laut sagen, welche. Was die Versuchsperson nicht weiß: Die anderen sind eingeweiht und nennen in einem Teil der Durchgänge einstimmig eine falsche Linie. Die Aufgabe ist so leicht, dass allein fast niemand einen Fehler macht. In der Gruppe schloss sich die Versuchsperson in rund einem Drittel dieser Durchgänge der offenkundig falschen Mehrheit an, und drei Viertel aller Teilnehmer taten es mindestens einmal.

Das Bemerkenswerte daran ist, worum es geht. Die Länge einer Linie gehört zur Wirklichkeit erster Ordnung, zu dem, was man messen und sehen kann. Selbst hier also gibt das Urteil der anderen nach. In den Gesprächen danach sagten manche, sie hätten gewusst, dass die Mehrheit falsch lag, und nur nicht auffallen wollen. Andere aber begannen an ihren eigenen Augen zu zweifeln. Und ein weiterer Befund Aschs ist mindestens ebenso wichtig: Sobald ein einziger anderer Teilnehmer die richtige Antwort gab, brach der Druck der Mehrheit fast vollständig zusammen. Ein Verbündeter genügt, um der eigenen Wahrnehmung wieder zu trauen. Wer niemanden mehr hat, mit dem er seine Wirklichkeit teilen kann, dem fehlt nicht nur Gesellschaft. Ihm fehlt ein Prüfstein.

Gregory Bateson, Anthropologe, Biologe und Kommunikationsforscher in einer Person, hat diesen Gedanken in seiner „Ökologie des Geistes“ noch weiter getrieben. Für ihn ist Geist überhaupt nichts, was in einem einzelnen Kopf sitzt. Geist ist ein Muster von Beziehungen, das Organismen, ihre Umwelt und ihre Kommunikation umfasst. Information definierte er als einen Unterschied, der einen Unterschied macht. Ein Reiz bedeutet nichts aus sich heraus. Er bedeutet etwas in einem Kontext, und Kontexte werden zwischen Lebewesen ausgehandelt.

Bateson hat das 1952 an einer unscheinbaren Szene im Zoo von San Francisco beobachtet. Zwei junge Affen balgten sich. Sie bissen einander, aber die Bisse waren keine Bisse. Beide wussten, dass sie spielten, und offenbar teilten sie sich das auf irgendeine Weise mit. Bateson schloss daraus, dass Kommunikation auf mehreren Ebenen zugleich stattfindet. Die Handlung sagt: Biss. Eine zweite, unausgesprochene Botschaft sagt: Dies ist Spiel. Diese zweite Botschaft legt einen Rahmen um die erste und bestimmt, was sie bedeutet. Der Soziologe Erving Goffman hat daraus später seine „Rahmen-Analyse“ (1974) entwickelt: Jede Situation wird gedeutet, indem wir sie in einen Rahmen stellen, Ernst oder Spiel, Wirklichkeit oder Theater, Übung oder Ernstfall. Meist bemerken wir die Rahmen nicht. Wir bemerken sie erst, wenn sie brechen.

V. Sechs Personen und ein gebrochener Rahmen

Kaum ein Werk hat einen solchen Rahmenbruch so kühn auf die Bühne gebracht wie Luigi Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“. Bei der Uraufführung 1921 in Rom tobte das Publikum und rief „Irrenhaus!“. Was es gesehen hatte, war in der Tat verstörend. Eine Theatertruppe probt ein Stück, als plötzlich sechs Gestalten den Saal betreten: ein Vater, eine Mutter, eine Stieftochter, ein Sohn und zwei Kinder. Sie sind Figuren aus einem Drama, das ihr Autor begonnen und nie vollendet hat. Nun suchen sie jemanden, der ihre Geschichte zu Ende bringt.

Der Theaterdirektor lässt sich darauf ein, und die Schauspieler sollen die Szenen der Figuren nachspielen. Doch die Figuren erkennen sich in den Darstellern nicht wieder. Die Schauspieler, sagen sie, spielten nur, während sie selbst ihr Schicksal seien. Der Vater geht noch weiter: Eine Figur sei wirklicher als ein Mensch. Denn ein Mensch verändert sich, vergisst, widerspricht sich, und von dem, was er heute für wirklich hält, wird er morgen sagen, es sei eine Täuschung gewesen. Die Figur dagegen ist, was sie ist, für immer. Am Ende fällt ein Schuss, ein Kind liegt tot am Boden, und niemand im Saal weiß mehr, ob das Theater war oder Wirklichkeit.

Pirandello zeigt, was geschieht, wenn der Rahmen, den Bateson im Spiel der Affen entdeckte, seine Eindeutigkeit verliert. Wirklichkeit, Darstellung, Rolle und Identität greifen ineinander, und keine Instanz kann mehr verbindlich sagen, was was ist. Für die Zuschauer ist das ein ästhetisches Erlebnis, aus dem sie nach Hause gehen können. Für die Figuren auf der Bühne ist es ihre ganze Existenz.

VI. Die Freiheit der Phantasie

An dieser Stelle zeigt sich, dass das Konstruieren von Wirklichkeit nicht nur eine Quelle der Täuschung ist, sondern auch eine der großen Fähigkeiten des menschlichen Bewusstseins. Wir können Welten entwerfen, die es nicht gibt. Wir können uns vorstellen, an einem anderen Ort zu sein, ein anderes Leben zu führen, dass etwas anders gekommen wäre oder noch anders kommen könnte. Phantasie ist der frei flottierende Spaziergang in und mit unserem Bewusstsein.

Der Kulturpsychologe Ernst E. Boesch hat diese Fähigkeit ins Zentrum seiner Handlungstheorie gestellt. Für ihn ist der Mensch nicht nur ein Wesen, das auf gegebene Situationen reagiert. Er lebt in einem Handlungsraum, der von Bedeutungen, Erwartungen und Möglichkeiten durchzogen ist. In seinem späten Buch „Sehnsucht“ (1998) beschreibt Boesch, wie das Bewusstsein über die gegebene Wirklichkeit hinausgreift, auf eine Ferne, die vielleicht nie erreicht wird, aber dem Handeln Richtung gibt. Sehnsucht ist für ihn kein bloßes Gefühl des Vermissens. Sie ist eine schöpferische Kraft, die gelegentlich auch in übersteigerte, ja krankhafte Formen umschlagen kann.

Was die gesunde Phantasie davon unterscheidet, lässt sich mit Bateson genauer sagen. Sie trägt einen Rahmen. Wie die spielenden Affen wissen, dass ihr Biss kein Biss ist, weiß der Phantasierende, dass er sich etwas vorstellt. Bildlich gesprochen besitzt die Phantasie eine Rückfahrkarte in die geteilte Welt. Sie darf sich weit entfernen, solange diese Rückfahrkarte nicht verloren geht.

Die Psychopathologie hat dafür eine noch genauere Unterscheidung bereitgestellt. Karl Jaspers trennte den Wirklichkeitscharakter eines Erlebnisses, das unmittelbare Gefühl, etwas sei wirklich, vom Realitätsurteil, der ausdrücklichen Feststellung, es sei wirklich. Derselbe Gedanke, es stehe jemand hinter mir, kann ein Spiel der Phantasie sein, eine flüchtige Befürchtung oder eine unmittelbare Gewissheit. Der Inhalt ist in allen drei Fällen derselbe. Was sich unterscheidet, ist die Weise, in der er gegeben ist, und ob ich ihn noch prüfen kann. Darin liegt der Übergang von der Erkenntnistheorie zur Psychologie: Konstruiert ist jede Wirklichkeit. Entscheidend ist, ob das Bewusstsein sein eigenes Hervorbringen noch als Hervorbringen erkennen kann.

VII. Zurück zum Rashōmon-Tor

Kurosawas Film lässt sich nun genauer lesen. Die vier Versionen des Mordes unterscheiden sich nicht, weil drei Zeugen lügen und einer die Wahrheit sagt. Sie unterscheiden sich, weil jeder Erzähler aus Wahrnehmung, Erinnerung, Selbstbild und Interesse eine Wirklichkeit gebaut hat, in der er leben kann. Der Bandit braucht den Helden, die Frau das Opfer, der Samurai die Ehre. Und der Holzfäller braucht eine Geschichte, in der sein eigener kleiner Diebstahl verschwindet.

Was der Film als Drama zeigt, hat die Gedächtnispsychologie im Labor bestätigt. Elizabeth Loftus ließ 1974 Versuchspersonen Filmaufnahmen eines Autounfalls ansehen und fragte sie danach, wie schnell die Wagen gefahren seien, als sie „zusammenstießen“ oder als sie „ineinanderkrachten“. Wer das drastischere Wort gehört hatte, schätzte die Geschwindigkeit höher ein, und eine Woche später erinnerten sich viele von ihnen an zerbrochenes Glas, das es im Film nicht gegeben hatte. Ein einziges Wort hatte die Erinnerung umgebaut. Das Gedächtnis ist kein Archiv, sondern eine fortlaufende Rekonstruktion.

Nicht nur das Wort, auch die Reihenfolge baut Wirklichkeit um. Wieder war es Solomon Asch, der das 1946 zeigte. Er las Versuchspersonen eine Liste von Eigenschaften einer fiktiven Person vor: intelligent, fleißig, impulsiv, kritisch, eigensinnig, neidisch. Eine andere Gruppe hörte dieselben Wörter in umgekehrter Reihenfolge. Die erste Gruppe beschrieb einen fähigen Menschen mit ein paar Schwächen, die zweite einen schwierigen Menschen, dessen Fähigkeiten ihn kaum retten. Die ersten Eindrücke gaben den Rahmen vor, in dem alle späteren gedeutet wurden. Aus „eigensinnig“ wird bei einem intelligenten Menschen Standfestigkeit, bei einem neidischen Starrsinn. Die Psychologie nennt das den Primäreffekt. Ihm steht der Rezenzeffekt gegenüber: Was zuletzt kommt, bleibt besonders gut im Gedächtnis und wiegt schwer, vor allem wenn zwischen Information und Urteil Zeit vergeht. Wer eine Liste von Wörtern lernt, behält den Anfang und das Ende am besten. Die Mitte geht verloren.

Beide Effekte sind für ein Gericht, wie es Kurosawa zeigt, alles andere als gleichgültig. Wer zuerst aussagt, legt den Rahmen fest, in dem die anderen gehört werden. Wer zuletzt spricht, prägt, was haften bleibt. Der Film nutzt das selbst: Die Version des Holzfällers kommt zuletzt, wirkt darum lange wie die Auflösung und erweist sich doch nur als eine weitere Version. Und im Kleinen zeigt der Primäreffekt etwas, das im Wahn ins Große wächst: Eine einmal gefasste Deutung bestimmt, wie alles Weitere gelesen wird, und was nicht passt, wird umgedeutet, statt sie zu erschüttern.

Doch „Rashomon“ endet nicht im Zweifel. In der letzten Szene finden die drei Männer unter dem Tor einen ausgesetzten Säugling. Der Bürger will ihm die Kleider stehlen. Der Holzfäller, der kurz zuvor selbst der Lüge überführt wurde, nimmt das Kind auf, um es mit seinen eigenen Kindern großzuziehen. Der Regen hört auf. Die Wahrheit über den Mord im Wald ist nicht gefunden. Aber es ist eine Handlung geschehen, die nicht davon abhängt, welche der vier Versionen stimmt.

Schluss: Die Welt ist größer als jede Sicht auf sie

Der Konstruktivismus ist leicht misszuverstehen, als Einladung zur Beliebigkeit oder als Behauptung, die Welt sei nur in unseren Köpfen. Gemeint ist etwas anderes, und es ist anspruchsvoller. Wir erzeugen nicht die Welt. Aber wir erzeugen die Bedeutungsordnung, in der sie für uns wirklich wird. Wir tun das nicht allein, sondern im Gespräch mit anderen, in Rahmen, die wir meist nicht bemerken. Und wir sind dabei nicht frei, denn die Welt verweigert sich den meisten unserer Schlüssel.

Daraus folgt kein Relativismus, wohl aber eine Unterscheidung, die man im Alltag ständig vergisst: zwischen dem, was ist, dem, was ich daraus mache, und dem, was ich mir wünsche. Wer diese Unterscheidung treffen kann, weiß, dass seine Sicht eine Sicht ist, und kann sie gerade deshalb ernst nehmen, prüfen und korrigieren. Er verwechselt seinen Schlüssel nicht mit dem Schloss.

Was aber geschieht, wenn ein Mensch diese Unterscheidung nicht mehr treffen kann? Wenn eine Deutung nicht mehr als Deutung erscheint, sondern als die Welt selbst, und wenn sie sich mit den Wirklichkeiten der anderen nicht mehr vermitteln lässt? Watzlawick hat diese Frage schon im Untertitel seines Buches gestellt, als er den Wahn an die erste Stelle setzte. Ihr ist der nächste Artikel gewidmet.