Metabewusstsein und das fremde Erleben
Zwei Menschen sitzen in einem vollständig dunklen Raum. Beide sehen nichts. Der eine sagt: „Ich sehe nichts.“ Der andere sagt: „Ich weiß, dass ich nichts sehe.“
Auf den ersten Blick ist das derselbe Satz in zwei Formulierungen. Auf den zweiten verbirgt sich darin eine der schwierigsten Unterscheidungen der Bewusstseinsphilosophie. Der erste Satz berichtet von einem Zustand. Der zweite berichtet von einem Wissen über diesen Zustand. Und hier beginnen die Fragen: Ist das zweite einfach „mehr Bewusstsein“ als das erste? Setzt es das erste voraus? Könnte man das eine ohne das andere haben? Und wie könnte ein Beobachter von außen überhaupt feststellen, welcher der beiden Zustände vorliegt, wenn beide denselben Satz sagen?
Man kann dabei an das alte Gleichnis von den Blinden denken, die einen Elefanten betasten. Jeder ertastet einen Teil und hält ihn für das Ganze. Der interessante Moment ist der, in dem einer von ihnen innehält und erkennt: Meine Hand ist nicht der Elefant. Dieser Moment ist nicht Bewusstsein, sondern Bewusstsein des Bewusstseins. Um ihn geht es hier.
I. Drei Dinge, die man leicht verwechselt
Die Alltagssprache hat für das, was hier geschieht, nur unscharfe Wörter. Man muss deshalb zunächst sortieren. Drei Phänomene lassen sich unterscheiden, die oft in einem Atemzug genannt werden.
Bewusstsein im Sinne des Erlebens: Es gibt etwas, wie es ist, in diesem Zustand zu sein. Ein Hund hat Schmerzen, und für ihn fühlt sich das irgendwie an.
Metakognition: Ein System verarbeitet Informationen über seine eigenen Zustände. Es registriert, dass es unsicher ist, dass ihm etwas fehlt, dass eine Aufgabe schwierig wird, und passt sein Verhalten entsprechend an. Wer eine Telefonnummer vergessen hat, beginnt automatisch nach Hinweisen zu suchen, ohne darüber nachzudenken. Das System hat seinen eigenen Wissensstand überwacht.
Metabewusstsein: Ein Wesen ist sich bewusst, dass es etwas erlebt. Nicht nur: Da ist Wut. Sondern: Ich bemerke meine Wut. Und womöglich: Ich bemerke, dass ich meine Wut bemerke, und kann fragen, ob meine Deutung der Situation überhaupt stimmt.
Der Unterschied zwischen dem zweiten und dem dritten ist entscheidend. Metakognition kann vollständig im Verborgenen ablaufen. Ein Computer, der seinen Speicherstand überwacht und Programme beendet, wenn er knapp wird, betreibt eine Form von Selbstüberwachung. Niemand würde ihm deshalb Metabewusstsein zuschreiben. Metabewusstsein im starken Sinn verlangt, dass die Selbstbeobachtung ihrerseits erlebt wird.
Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigt eine einflussreiche Gruppe von Bewusstseinstheorien. Die sogenannten Theorien höherer Ordnung, etwa die von David Rosenthal, sagen, ein Zustand werde bewusst, wenn sich ein weiterer Zustand auf ihn richtet. Das klingt nach Metabewusstsein, ist aber nicht dasselbe. Denn dieser höherstufige Zustand muss nach der Theorie selbst gar nicht bewusst sein. Er macht den Schmerz bewusst, ohne dass ich bemerke, dass ich ihn bemerke. Erst wenn auch dieser Bezug erlebt wird, wenn ich also meine eigene Aufmerksamkeit auf den Schmerz richte, sprechen wir von Metabewusstsein. Selbst eine Theorie, die Bewusstsein über Selbstbezug erklärt, trennt also zwischen dem Bewusstsein eines Zustands und dem Bewusstsein dieses Bewusstseins.
Von einem weiteren Begriff sollte man das Metabewusstsein ebenfalls trennen, obwohl beide oft verwechselt werden: von der Bewusstheit. Metabewusstsein ist eine Fähigkeit, eine strukturelle Möglichkeit eines Systems. Es kann seine eigenen Zustände zum Gegenstand machen. Bewusstheit ist das, was ein Mensch aus dieser Möglichkeit macht, eine geübte Haltung, die sich auf die eigene Art des Wahrnehmens, Bewertens und Unterscheidens richtet. Metabewusstsein ist die Voraussetzung, Bewusstheit die Praxis. Hier geht es um die Voraussetzung, und damit um die Frage, woran man sie überhaupt erkennen kann.
II. Keine höhere Stufe, sondern eine zweite Dimension
Die naheliegende Vorstellung ist eine Leiter. Unten das bloße Erleben, darüber das Selbstbewusstsein, ganz oben das Metabewusstsein, das Nachdenken über das eigene Erleben. Je höher man steigt, desto „bewusster“ ist man. Diese Vorstellung ist tief in unserem Denken verwurzelt, und sie ist irreführend.
Das zeigt sich, sobald man die Untersuchungen des Philosophen Thomas Metzinger zu meditativen Zuständen einbezieht. Metzinger ordnet Bewusstsein auf einer Achse an, die von reichhaltig bis minimal reicht. Das gewöhnliche Wachbewusstsein ist voller Inhalte: Wahrnehmungen, Gedanken, Erinnerungen, Körpergefühle. Das reine Gewahrsein der Meditierenden ist extrem reduziert, und doch noch Bewusstsein.
Metabewusstsein liegt nicht auf dieser Achse. Es ist nicht „mehr“ Bewusstsein, sondern eine andere Operation: Das System macht seinen Zustand zum Gegenstand. Und diese Operation ist, soweit wir sehen, nur lose an die Fülle des Erlebens gekoppelt. Ein Mensch kann intensiv erleben und dabei völlig unreflektiert sein, etwa im Rausch einer Musik, im Zorn, im Spiel. Ein anderer kann sehr wenig erleben und dabei sehr genau wissen, dass sein Zustand gerade leer und still ist.
Daraus ergibt sich ein einfaches Schema mit zwei Achsen und vier Feldern:
| ohne Metabewusstsein | mit Metabewusstsein | |
| reichhaltiges Erleben | unmittelbares Erleben | reflektiertes Erleben |
| minimales Erleben | kaum Erleben | Wissen um den eigenen minimalen Zustand |
Die ersten drei Felder lassen sich leicht füllen. Unmittelbares Erleben ohne Reflexion ist der gewöhnliche Traum, das spielende Kind, der Hund, der seinem Ball nachjagt, der Mensch im Zustand völliger Versenkung in eine Tätigkeit. Reflektiertes Erleben ist der Normalfall bewusster Selbstbeobachtung. Ein besonders schönes Beispiel ist der luzide Traum: Das Erleben bleibt so reich wie in jedem Traum, aber plötzlich tritt das Wissen hinzu, dass man träumt. Der Inhalt ändert sich nicht, nur die Beziehung zu ihm. Und wenig Erleben ohne Reflexion ist der Dämmerzustand an der Grenze zum Schlaf.
Das vierte Feld ist der philosophische Stachel. Kann es Metabewusstsein bei minimalem oder sogar fehlendem Erleben geben? Die meditativen Berichte bei Metzinger deuten auf eine Form davon hin: Die Meditierenden wissen hinterher, und nach eigener Aussage auch währenddessen, dass sie in einem Zustand fast ohne Inhalt waren. Das ist wenig Bewusstsein und viel Wissen darum.
Man kann dieses Feld aber auch radikaler lesen. Wenn es möglich wäre, dass ein System seine eigenen Zustände registriert, ohne dass überhaupt etwas erlebt wird, dann müsste man Metabewusstsein ganz anders verstehen: als funktionale Selbstbeobachtung, die nicht notwendig bewusst ist. Wir wären dann wieder bei der Metakognition. Das vierte Feld zwingt also zu einer Entscheidung darüber, was wir mit dem Wort meinen. Und damit bestätigt es die Unterscheidung vom Anfang.
Im strengen Sinn gilt: Wer wirklich weiß, dass er etwas erlebt, muss etwas erleben. „Ich weiß, dass ich sehe, obwohl ich nichts sehe“ wäre ein Widerspruch, sofern „wissen“ hier bewusste Erkenntnis meint. Insofern setzt Metabewusstsein Bewusstsein logisch voraus. Aber es setzt nicht voraus, dass viel erlebt wird. Und es folgt nicht aus dem Erleben, auch nicht aus dem reichsten. Bewusstsein beantwortet die Frage, was erlebt wird. Metabewusstsein beantwortet die Frage, ob das System etwas über sein Erleben weiß. Das sind zwei logisch verschiedene Fragen.
III. Vier Blinde
Kehren wir in den dunklen Raum zurück. Mit den bisherigen Unterscheidungen lassen sich dort nicht zwei, sondern mindestens vier Zustände denken:
- A: Er sieht nichts und weiß, dass er nichts sieht.
- B: Er sieht nichts und weiß nicht, dass er nichts sieht.
- C: Er erlebt etwas, weiß aber nicht, dass er erlebt.
- D: Er erlebt etwas und weiß, dass er erlebt.
A und D besitzen Metabewusstsein, B und C nicht. Aber aus dem Metabewusstsein lässt sich nicht ablesen, wie viel erlebt wird, und umgekehrt.
Das klingt nach einem Gedankenspiel. Die Neurologie kennt jedoch Fälle, in denen genau diese Konstellationen Wirklichkeit werden, und zwar an Menschen, die tatsächlich blind sind.
Beim Anton-Syndrom haben Patienten durch eine Schädigung der Sehrinde ihr Sehvermögen verloren, bestreiten aber, blind zu sein. Sie beschreiben Räume, die sie nicht sehen, stoßen gegen Möbel und erklären es mit schlechtem Licht. Sie sehen nichts und wissen nicht, dass sie nichts sehen. Das ist Fall B, und er zeigt, dass das Wissen um den eigenen Zustand ausfallen kann, während der Mensch ansonsten wach, sprachfähig und überzeugt ist.
Die Psychiatrie kennt ein verwandtes Phänomen auch jenseits solcher Hirnschäden. Ein erheblicher Teil der Menschen mit psychotischen Erkrankungen hält sich nicht für krank. Auch hier ist das nicht in erster Linie Trotz oder Verleugnung. Die fehlende Einsicht kann selbst Teil der Störung sein, ein Ausfall eben jener Instanz, die bemerken würde, dass etwas nicht stimmt. Wer den eigenen Zustand nicht als Zustand erkennen kann, dem erscheint er als die Welt.
Bei der Blindsicht, von Lawrence Weiskrantz ausführlich untersucht, liegt der umgekehrte Fall vor. Patienten mit Schäden in der Sehrinde sagen, sie sähen in einem Teil ihres Gesichtsfeldes nichts. Fordert man sie aber auf zu raten, wo ein Lichtpunkt erscheint oder in welche Richtung sich etwas bewegt, liegen sie weit über dem Zufall. Ihr Gehirn verarbeitet die visuelle Information und steuert damit Verhalten, ohne dass nach eigener Auskunft ein Seherlebnis entsteht. Hier gibt es Verarbeitung ohne Erleben, Kognition im Dunkeln.
Diese Befunde machen aus dem Gleichnis eine Tatsache: Erleben, Wissen um das Erleben und Verarbeitung von Information können tatsächlich auseinanderfallen.
IV. Was man von außen nicht sehen kann
Damit stehen wir vor einem Problem, das die Philosophie seit Langem kennt, das hier aber eine zusätzliche Tiefe bekommt. Wie stellen wir überhaupt fest, ob ein anderes Wesen bewusst ist?
Beim Menschen lösen wir das Problem gewöhnlich durch Sprache. Der andere sagt: „Ich habe Schmerzen“, und wir glauben ihm. Hinzu kommt die Analogie: Er hat einen Körper wie ich, ein Gehirn wie ich, er verhält sich in Situationen, in denen ich Schmerzen hätte, so wie ich mich verhalten würde. Also, so schloss schon John Stuart Mill, wird er wohl auch erleben wie ich.
Das Argument aus der Analogie ist stark, aber es ist kein Beweis. Und die Fälle der vier Blinden zeigen, wo es an seine Grenze stößt. Der Patient mit Anton-Syndrom sagt, er sehe. Die Sprache verbürgt also nicht, dass das Berichtete stimmt, nicht einmal für den Sprecher selbst. Und der Satz „Ich weiß, dass ich nichts sehe“ könnte von einem metabewussten Menschen stammen oder von einem, der nur gelernt hat, diesen Satz in dieser Situation zu sagen. Von außen ist das nicht zu unterscheiden.
Wittgenstein hat die Unzugänglichkeit des fremden Erlebens in das Bild einer Schachtel gefasst, in der jeder einen „Käfer“ hat und keiner in die Schachtel des anderen schauen kann. Man muss seinen Schlussfolgerungen nicht folgen, um das Bild treffend zu finden. Wir sprechen über unsere Käfer mit denselben Wörtern. Ob in den Schachteln Ähnliches liegt, sehen wir nie.
Die Fälle A und C, oder B und eine perfekte Imitation von D, können funktional identisch erscheinen. Die eigentliche Frage verschiebt sich damit. Sie lautet nicht mehr nur: Hat dieses Wesen Bewusstsein? Sondern: Welche Evidenz könnte uns überhaupt erlauben, zwischen Bewusstsein und einer bloß funktional gleichartigen Verarbeitung zu unterscheiden? Das ist das alte Problem des Fremdpsychischen, eine Stufe tiefer gelegt.
V. Der Hund muss nicht wissen, dass er weiß
Beim Tier fällt die Brücke der Sprache weg. Es bleiben Verhalten, Nervensystem, Lernfähigkeit und stammesgeschichtliche Verwandtschaft. Gerade deshalb ist das Tier der Prüfstein für die Unterscheidungen dieses Artikels.
Lange hat man Bewusstsein an Fähigkeiten geknüpft, die dem Menschen besonders gut gelingen: Sprache, abstraktes Denken, Selbstreflexion. Wer so denkt, macht das Metabewusstsein zum Kriterium des Bewusstseins überhaupt. Die bisherigen Überlegungen zeigen, dass das ein Kategorienfehler ist. Ein Hund muss nicht denken können „Ich bin ein Hund und erlebe gerade Schmerz“, damit es für ihn etwas bedeutet, Schmerzen zu haben. Er muss nicht wissen, dass er weiß, um etwas bewusst zu erleben.
Was die Forschung über Selbst- und Metabewusstsein bei Tieren herausgefunden hat, bestätigt die Trennung der Dimensionen. Seit Gordon Gallup 1970 Schimpansen einen Farbfleck auf die Stirn malte und beobachtete, wie sie ihn im Spiegel untersuchten, gilt die visuelle Selbsterkennung bei Menschenaffen als gut belegt. Hinweise gibt es auch bei Elefanten, Delfinen und Elstern. Bei Primaten sind zudem metakognitive Leistungen untersucht worden. Rhesusaffen etwa nutzen in Experimenten gezielt die Möglichkeit, schwierige Aufgaben zu überspringen, als wüssten sie, wann sie unsicher sind. Wie weit diese Deutung trägt, ob hier Metabewusstsein oder „nur“ Metakognition vorliegt, ist umstritten. Das ist genau die Unterscheidung, um die es hier geht.
Hunde bestehen den Spiegeltest in aller Regel nicht. Daraus folgt aber wenig, denn der Test misst eine visuelle Form der Selbsterkennung, und Hunde leben in einer Welt der Gerüche. Versuche, in denen Hunde ihren eigenen Geruch anders behandelten als einen veränderten, legen nahe, dass die Frage falsch gestellt war. Wer dem Hund einen Spiegel vorhält, fragt ihn in der Sprache der Primaten. Der Maßstab selbst ist menschlich.
Die Wissenschaft ist in dieser Frage in den letzten Jahren deutlich weiter gegangen. Die 2024 veröffentlichte New York Declaration on Animal Consciousness hält fest, dass es starke wissenschaftliche Gründe gibt, Säugetieren und Vögeln bewusste Erfahrung zuzuschreiben, und dass diese Möglichkeit bei allen Wirbeltieren und vielen wirbellosen Tieren, etwa bei Kraken, Krebsen und Insekten, zumindest ernsthaft in Betracht zu ziehen ist.
Daraus ergibt sich eine Umkehrung des vertrauten Bildes. Vielleicht ist das menschliche Bewusstsein nicht der Normalfall, von dem das tierische eine abgeschwächte Kopie wäre. Vielleicht ist es eine besonders komplex organisierte Form eines sehr viel älteren Phänomens. Das wäre evolutionär auch plausibler als die Vorstellung, Bewusstsein beginne erst dort, wo Sprache und Selbstreflexion beginnen. Ein Hund könnte dann reiches Erleben bei geringem Metabewusstsein haben, ein meditierender Mensch minimales Erleben bei ausgeprägtem Metabewusstsein. Das ist keine Rangordnung von mehr und weniger. Es sind verschiedene Koordinaten.
Der Mensch hätte dann kein Monopol auf Bewusstsein. Vielleicht eher eines auf bestimmte Formen des Metabewusstseins und auf die Möglichkeit, daraus eine Haltung zu machen.
VI. Ein Ausblick: die Maschine im dunklen Raum
Die Frage nach dem fremden Erleben stellt sich heute noch an einer dritten Stelle. Sprachfähige künstliche Systeme können mühelos Sätze erzeugen wie „Ich weiß, dass ich nichts sehe“ oder „Ich bin mir unsicher“. Sie überwachen, in einem technischen Sinn, ihre eigenen Ausgaben. Beim Tier fehlt uns die Sprache und wir haben die biologische Verwandtschaft. Bei der Maschine haben wir die Sprache und es fehlt die Verwandtschaft.
Damit fallen beide Stützen des Analogiearguments auseinander. Wir erkennen, dass die Sprache allein nichts verbürgt, denn der Satz kann ohne das Erleben auftreten, von dem er spricht. Und wir erkennen, dass Selbstüberwachung allein nichts verbürgt, denn Metakognition kann ohne Metabewusstsein auftreten. Ob in solchen Systemen irgendetwas erlebt wird, ist mit den heute verfügbaren Mitteln nicht zu entscheiden. Die Unterscheidungen dieses Artikels machen immerhin deutlich, welche Frage man stellt, wenn man danach fragt.
VII. Das fremde Bewusstsein als letzte Grenze
Bei aller Verschiedenheit der Fälle zeigt sich ein gemeinsamer Befund. Unmittelbar gegeben ist uns immer nur das eigene Erleben. Beim anderen Menschen überbrücken wir den Abstand durch Sprache und Analogie, beim Tier durch Verhalten und biologische Ähnlichkeit, bei der Maschine durch nichts, was wirklich trägt. Das fremde Bewusstsein ist möglicherweise die letzte Grenze unserer Erkenntnis, weil wir seine Innenperspektive niemals einnehmen können.
Das verändert die Frage, die wir an das Fremde richten. Beim Menschen fragen wir: Wie kann ich das Erleben des anderen erkennen, obwohl ich nie in sein Erleben gelange? Beim Tier kommt eine zweite Frage hinzu: Wie weit darf ich meine eigene Form des Bewusstseins als Maßstab für ein fremdes Bewusstsein verwenden? Der Spiegeltest beim Hund ist ein kleines Lehrstück dafür, wie leicht der eigene Maßstab das fremde Erleben unsichtbar macht.
Man kann das Bild vom dunklen Raum deshalb noch einmal zuspitzen. Der Blinde im Dunkel weiß nicht, ob der andere neben ihm nichts sieht oder nur anders sieht. Und das Gleichnis vom Elefanten bekommt eine zusätzliche Bedeutung. Das Problem besteht nicht nur darin, dass jeder Blinde einen anderen Teil ertastet. Wir können nicht einmal sicher sein, dass der andere Blinde dasselbe erlebt wie wir, wenn er denselben Teil berührt.
Schluss: Was den Unterschied macht
Dieser Artikel hat eine Unterscheidung verteidigt, die leicht verloren geht: Erleben und Wissen um das Erleben sind zwei Dimensionen, keine Stufen einer Leiter. Sie sind lose gekoppelt, sie können auseinanderfallen, und von außen sind sie oft nicht zu unterscheiden.
Offengeblieben ist, was diese Dimensionen im Einzelnen formt. Warum erlebt ein Mensch einen Schmerz anders als ein Hund, selbst wenn beide ihn erleben? Warum kann das eine Wesen seine eigenen Zustände zum Gegenstand machen und das andere kaum? Die Antwort liegt vermutlich nicht im Bewusstsein selbst, sondern in dem, was mit ihm zusammenspielt: in der Verarbeitung von Information, im Gedächtnis, das aus Erleben Erfahrung macht, in den Gefühlen, die dem Denken Richtung geben, und in dem, was sich dem Bewusstsein ganz entzieht. Aus diesem Zusammenspiel entsteht schließlich das, was wir Ich nennen.
